Sonntag, Dezember 31

Wie US-Marines für den Kosovo-Einsatz gedrillt werden


Im Rahmen der Internationalen Friedenstruppe (Kfor) sind seit vergangener Woche auch 2200 US-Marines im Kosovo im Einsatz. Wie werden die amerikanischen Elitesoldaten der 26. Expeditionseinheit auf ihre gefährliche Aufgabe vorbereitet? Die BaZ hat in einer Rekrutenschule in South Carolina einen Augenschein genommen.

Minen räumen, Flüchtlinge beschützen, Verwundete verarzten, Brücken und Strassen flicken, Transportwege erkunden und bei all diesen Aufgaben die eigene Sicherheit nicht vernachlässigen: Die Anforderungen an die Soldaten der Internationalen Friedenstruppe (Kfor) sind hoch, weshalb nur die Besten geschickt werden. Mit von der Partie sind 2200 amerikanische Marines.

Von Peter Schibli, Parris Island

Dass die Elitesoldaten als erste US-Einheit in den Kosovo einmarschiert sind, ist kein Zufall. Marines sind eine Mischung aus Armee- und Navy-Angehörigen: Sie kämpfen sowohl zu Land als auch auf hoher See. Weil sie vorzugsweise zur Evakuierung von Zivilpersonen eingesetzt werden, nennt man sie auch «Amerikas 911» (Notfallnummer). Physische und psychische Härte, absoluter Gehorsam sowie die Bereitschaft, im Gefecht zu sterben, gehören zu ihren Markenzeichen.

Auf der Insel Parris Island, südlich der Stadt Charleston, werden Schulbuben und Schulmädchen in einer dreimonatigen RS zu Marines geschmiedet. Wer das 17. Altersjahr überschritten hat und auf die angenehmen Seiten des Zivillebens verzichten kann, ist willkommen.

Weitere Aufnahmebedingungen sind ein eiserner Wille sowie körperliche Fitness: Männer müssen mindestens zwei Klimmzüge und 44 Rumpfbeugen in 30 Sekunden absolvieren sowie 2,1 Kilometer in 13 Minuten laufen können. Von Frauen wird verlangt, dass sie zwölf Sekunden lang an beiden Armen hängen, in zwei Minuten 44 Rumpfbeugen hinlegen und in zehn Minuten 1,6 Kilometer weit laufen können. «Durch diese Türen schreiten die Anwärter für Amerikas edelste Streitmacht», heisst es über dem Portal des Aufnahmegebäudes. Stolz versichert der Kommandant den Besuchern: «Wir sind die allseits bereiten Wächter der Nation.» 97 Prozent der Rekruten kommen direkt von einer High-School nach Parris Island. Die wenigsten sind verheiratet. Für viele ist es die erste längere Trennung vom Elternhaus. Heimweh gehört zum Alltag.

Verlust der Identität

Auf den gelben Fusstritten vor dem Aufnahmegebäude merkt ein Rekrut sehr schnell, dass hier neue Regeln gelten: «Du bist nichts, kannst nichts. Wir machen einen Marine aus dir», schreit der Drill-Instruktor (DI). Ab sofort darf nicht mehr in der Ich-Form geredet werden. «Ich muss aufs Klo» heisst in der Marine-Sprache: «This recruit has to make a head-call.» Statt zum Essen geht man zum «Chow». Jeder Vorgesetzte wird mit «Sir» angesprochen.

Während der gesamten RS sind Radio und Fernsehen verboten. Zeitungen gibt es nur an Sonntagen. Alle persönlichen Utensilien werden nach Hause geschickt. Ausnahme: Eine Bibel, Familienfotos und ein Adressbuch sind erlaubt. Der Verlust der persönlichen Identität während der beiden ersten RS-Monate ist ein zentrales Ziel der Ausbildung.

Koedukation wird - anders als bei der Armee oder der Navy - nicht gepflegt. «Separat, but equal» (getrennt, aber gleich) lautet das Trainings-Motto: Weibliche Rekruten werden in separaten Trainings-Bataillonen ausgebildet. Einzige Konzession an den weiblichen Körperbau: Einige Hindernisse im Gelände sind weniger hoch.

Unterschiede zwischen den Rassen werden keine gemacht. «Es gibt keine weissen, schwarzen oder gelben Marines. Es gibt nur grüne Marines», besagt eine Redeweise. Ledige Rekruten erhalten monatlich 887 Dollar. Nach vier Monaten steigt der Lohn eines Marines auf 959 Dollar. Von dem Geld müssen die Uniform sowie persönliche Utensilien bezahlt werden.

Genügend Nachwuchs

Trotz der harten Lebensbedingungen im Camp hat das Marine-Korps keine Nachwuchsprobleme. Derzeit melden sich ausreichend junge Männer und Frauen zum Dienst in der Eliteeinheit. Ob das bei einer weiterhin florierenden Konjunktur, grosszügigen College-Stipendien und der zunehmenden Verweichlichung der jungen Generation so bleibt, ist mehr als fraglich.

Schwerpunkte in der Grundausbildung sind das tägliche «Physical Training» (Turnen), der «Close order drill» (Waffendrill mit Marschieren) und das Erlernen der «Core Values» (Kernwerte). Im Auditorium doziert Feldprediger Moreland was man unter «Honor, Courage and Commitment» versteht. «Respekt und Würde, niemals stehlen, lügen oder betrügen», lauten die Ausbildungspunkte beim Verhalten. «Mut» soll nicht nur unter Schönwetter-Bedingungen, sondern auch «unter Stress, Druck und Lebensangst» bewiesen werden. «Commitment» (Aufopferung) wird «rund um die Uhr für das Korps und das Land» verlangt. Im Auditorium sinken einige müde Köpfe auf die Tische. Die Instruktoren sorgen dafür, dass Rekruten wach bleiben.

Wer einmal unterschrieben hat, kann nicht grundlos aufgeben und nach Hause fahren: Austritte sind nur aus gesundheitlichen Gründen möglich. Militärpsychologen und Ärzte beurteilen, ob jemand dem Stress nicht gewachsen ist oder aus Bequemlichkeit simuliert. Verletzungen werden von Chirurgen beurteilt. Die Abbruchquote beträgt 17 Prozent bei den Männern und 22 Prozent bei den Frauen.

Drill und Gebrüll

Gefürchtet sind die Methoden der Marine-Ausbildner: Die Instruktoren gehen zuweilen bis an die Grenze des Machtmissbrauchs: Während des Drills wird gebrüllt, gedrängelt, gedrückt und geschunden. Wer nicht im Schritt geht oder den Arm im falschen Winkel beugt, wiederholt die Übung, bis der Sergeant zufrieden ist. Kinofilme wie «Forrest Gump» oder «Sands of Jwo Jima» haben ein Negativimage geschaffen, das Drill-Instruktoren als brutale, hinterlistige und böse Menschen zeigt. Major Mike Mullins, Direktor der DI-Schule, wehrt sich gegen dieses Bild: Es entspreche nicht der Wirklichkeit. Körperliche Gewaltanwendung sowie verbale Diffamierung seien tabu.

Rekruten, die sich schikaniert oder in ihren Rechten verletzt fühlten, hätten ein Klagerecht, betont er. Ein Blick in die Statistik zeigt: Jährlich muss jeder zweite Drill-Instruktor eine Disziplinaruntersuchung über sich ergehen lassen. Viele werden für Fehlverhalten gerügt.

Die umstrittenen Methoden, den Drill, das Anschreien und den bedingungslosen Gehorsam, verteidigt Major Mullins. «Diese Formen der soldatischen Grundausbildung haben sich in den letzten hundert Jahren bewährt. Rekruten sind nicht hier, um unsere Befehle in Frage zu stellen, sondern um Gehorsam zu lernen. Das ist auch im Kosovo so», ergänzt er.

Grosse Verantwortung

Ein Besuch auf dem Sportplatz einer Frauenkompanie beweist, dass Rekrutinnen nicht weniger angebrüllt werden als ihre männlichen Kollegen. Gunnery-Sergeant Ann Hubbard bildet pro Jahr dreihundert junge Frauen aus. Ihre Arbeit beschreibt sie als «grosse Verantwortung» und «Spass». Sie empfinde Genugtuung, wenn die jungen Marines nach der zwölfwöchigen Ausbildung das Camp mit Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl verliessen, erläutert die 32jährige Mutter eines 16monatigen Sohnes.

Kritischer sieht es die 26jährige Dara Frye: Ihr Mann, der auf Parris Island als Instruktor arbeitet, könne in Gegenwart von Rekruten «ganz schön brutal werden», weiss sie zu berichten. Weibliche Drill-Instruktoren liefen «mit zuviel Testosteron herum». Insgesamt aber respektiert sie die Arbeit der Marine-Ausbildner: Jeder müsse «auf seine Weise glücklich werden», versichert Dara.

Der Präsident sagt, wohin

Nach der Rekrutenschule dislozieren die meisten Marines ins Camp Lejeune (North Carolina), wo sie an der dortigen Infanterie-Schule eine mehrwöchige Kampfausbildung erhalten. Anschliessend werden sie rund um den Globus bei der Bewachung von US-Botschaften, auf Flugzeugträgern oder im Kosovo eingesetzt.

Wer wo Dienst tut, entscheidet nicht der einzelne Soldat. «Wir gehen dahin, wo uns der Präsident schickt», versichert Hauptmann Keith Faust, Medienoffizier auf Parris Island, und ergänzt, selbstverständlich wäre er derzeit gerne im Kosovo mit dabei: «Da können wir Marines uns für den Frieden engagieren und Verfolgten beistehen.»

Den letzten Härtetest absolviert: Die Rekruten auf dem Camp in Parris Island marschieren zum Marine-Denkmal, wo sie in einer patriotischen Zeremonie zu Marines befördert werden. Fotos ps.

«Fürchten wir uns vor dem Sterben?» «Sir, no Sir»

Parris Island.
ps. Der Einsatz im Kosovo ist kein Zuckerschlecken. Während der Feuerprobe «The Crucible» werden die Rekruten einem letzten Härtetest unterzogen: In 54 Stunden marschieren sie 67 Kilometer weit und bewältigen 29 Aufgaben. Ziel ist es, die Kompanien zu funktionierenden «Teams» zusammenzuschweissen.

Kampfbahn im Wald

311 Rekruten des 1. Bataillons werden am Donnerstag der 11. Ausbildungswoche kurz nach ein Uhr morgens geweckt. Auf dem «Page Field», einer ausgemusterten Betonpiste mitten im Wald, absolvieren sie im Dunkeln eine erste Kampfbahn. Über Langhölzer, eine Ladenwand sowie unter Stacheldraht durch führt der Kurs, bis zum Schluss grüne «Dummies» (Gummipuppen) mit dem Bajonett erstochen werden. Rekrut Cambell prescht zu weit vor und wird von seinem Zugführer zurückgepiffen. Im Kosovo wäre er möglicherweise Opfer einer Landmine geworden.

Kräfteverschleissend sind die körperlichen Anforderungen: Beim «Jenkin's Pinacle» liegt ein Baumstamm in fast zwei Metern Höhe. Die beiden stärksten Jungs klettern auf das Hindernis und ziehen - auf dem Stamm sitzend - ihre Kameraden mit vereinten Kräften über den Balken. Wer seine Waffe vergisst, muss das Hindernis in umgekehrter Richtung überklettern. Rekrut Christel schafft die Rosskur auf Anhieb. Als Pfadfinder verbrachte er viel Zeit in der freien Natur. Bereits sein Grossvater war Angehöriger des Korps. «Die Marines machten mir das beste Angebot: Wenn ich nach vier Jahren dabei bleibe, erhalte ich ein Stipendium und kann meinen Lebenstraum verwirklichen: Ich will Geschichtslehrer werden», erzählt der 20jährige.

Den Stress, das Sich-Anschreien-Lassen, die Erniedrigung hat Christel inzwischen akzeptiert. Von den Drill-Instruktoren werde er «hart, aber fair behandelt», berichtet er. Nach zwölf Stunden im Wald fühle er sich noch fit und motiviert, ergänzt der Rekrut, bevor er von seinen Kameraden durch einen aufgehängten Autoreifen («Mackie's Passage») geschoben wird. Vor einem Nachtmarsch und einer Infiltrationsübung dürfen sich die angehenden Marines erstmals verpflegen. Während er sein MRE («Meal Ready to Eat») verdrückt, klagt Rekrut Smart über Müdigkeit. «Ich möchte mich hinlegen. Ob ich die verbleibenden 36 Stunden durchhalten werde, weiss ich nicht», murmelt der 19jährige erschöpft vor sich hin. Sergeant Bliss beseitigt die aufkommenden Zweifel: «Aufstehen, Zusammenpacken, Abmarsch», befiehlt der Drill-Instruktor.

Am Freitag morgen nimmt das Platoon die nächsten sechs Hindernisse in Angriff. Erdrückend wiegt der zwölf Kilo schwere Rucksack. Rekrut Cambell beklagt sich über Blasen an den Füssen. «Hinsetzen, einpudern und verbinden», befiehlt der Sergeant. Cambells Kameraden nehmen «Cecula's Wall», eine drei Meter hohe Holzwand, in Angriff.

Ein Lebenstraum

Die Absolvierung von «Sergeant Gonzalez' Crossing» erfordert «Köpfchen»: Es gilt, einen Verwundeten an einem hängenden Seil über drei Holzplattformen zu transportieren. Tüchtig Schwung im richtigen Winkel und das zuverlässige Einschätzen der Distanzen helfen bei der Bewältigung der Aufgabe. Weil die Übung in der Gasmaske absolviert werden muss, sind die dumpfen Befehle nur schwer zu verstehen.

Rekrut Childress aus Michigan weiss seit RS-Beginn, worauf er sich eingelassen hat. «Es war mein Lebenstraum, Marine zu werden. Als Autobauer bei General Motors würde ich wesentlich mehr verdienen und ein leichteres Leben führen. Aber dieser Rekrut sucht das Abenteuer, den Nervenkitzel. Er will um die Welt reisen und fremde Länder sehen», erzählt der 24jährige in der dritten Person und ergänzt: «Ins Marine-Korps eintreten bedeutet für ihn: Zu den Besten gehören.»

In einem Zelt behandelt der Zug die für Marines typischen Werte, die «Core Values». In Frag- und Antwortspiel leiern die Rekruten «Honor, Courage, Commitment» herunter und erläutern, was sie darunter verstehen. «Are we here to help?», fragt der Drill- Instruktor scharf. «Sir, yes Sir», lautet die einstimmige Antwort. «Mögen wir Verluste?» «Sir, no Sir», «Are we a team?» «Sir, yes Sir», «Fürchten wir uns vor dem Sterben?» «Sir, no Sir», schreit es aus 15 Kehlen.

Rekrut Childress ist die Müdigkeit anzusehen: Er könnte mit offenen Augen schlafen, klagt er. «Gemeinsam hat das Platoon Rekrut Cambell geschleppt, als er wegen seiner Blasen nicht mehr weiter konnte», erzählt sein Banknachbar. Als Individuen seien sie jetzt nicht mehr funktionstüchtig, erläutert der Sergeant. Den «Crucible» könnten sie nun nur noch im Team bestehen. Motiviert und das Ziel vor Augen, nimmt das Platoon die zweite Nacht in Angriff. Vor einer Evakuierungsübung wird das letzte MRE verzehrt. Jeweils zwei Rekruten teilen sich in eine Packung. Auch dies ist eine «Gruppenübung». Die Sandfliegen werden immer aufdringlicher. Das Nachtschiessen will kein Ende nehmen.

Nach elf Wochen am Ziel

Doch dann wird es langsam Tag. Gemeinsam verlassen Drill-Instruktoren und Rekruten den Wald, reissen sich ein letztes Mal zusammen und marschieren in Sechserkolonnen unter Kriegsgeheul beim Pectross-Parade-Deck ein. Vor dem Marine-Denkmal versammeln sie sich am Samstag morgen pünktlich um 7.45 Uhr. Aus einem Lautsprecher dröhnt der Sousa-Marsch «Stars and Stripes». Das Sternenbanner geht am Mast hoch. Der Feldprediger betet: «Wir sind hungrig, wir sind durstig, aber wir sind angekommen.» Dann kommt der Moment, dem alle Rekruten elf Wochen lang entgegengefiebert haben: Aus der Hand ihrer Drill-Instruktoren erhalten die Gedrillten das Marine-Abzeichen, einen schwarzen Metall-Pin mit Adler, Globus und Anker. Ab sofort sind sie nicht mehr Rekruten, sondern Marines. Ab sofort dürfen sie wieder in der Ich-Form reden. Ab sofort sind sie für den Einsatz im Kosovo gerüstet.

Freitag, Dezember 22

Zwischen Chaos und Ballett: Leben auf einem Flugzeugträger


Die elf Flugzeugträger der amerikanischen Navy sind ein «wichtiges strategisches Standbein» der US-Streitkräfte. Während eines Besuchs an Bord der «USS Kennedy» hatte die BaZ Gelegenheit, die Arbeit der Crew zu beobachten. Die «Kennedy» ist derzeit unterwegs in den Persischen Golf, wo sie die «USS Roosevelt» ablösen wird.

Die Wellen des Ozeans kommen näher und näher. Durch eine kleine Luke in der Flugzeugwand wird die Gischt erkennbar. In Rettungsweste, Helm und Brille sowie rückwärts sitzend, trifft mich der Aufprall mit voller Wucht: Ein kurzer Hüpfer, dann packt der Haken unter dem Flugzeugschwanz das an Bord gespannte Stahlseil. Die Fliehkraft drückt mich in den Sessel. Innert Sekunden bremst die C-2 Greyhound von über 100 Stundenkilometern auf Null ab.

Von Peter Schibli, an Bord der «USS Kennedy»

Eingehüllt in Wasserdampf und Abgase, kommt die Transportmaschine auf dem Flugdeck zum Stehen. Durch die sich öffnende Heckluke werden rote, grüne, gelbe und blaue Westen sichtbar. Gebannt starren die Gestalten auf den Neuankömmling. Ein weiss markierter Offizier signalisiert, den Helm und die Brille aufgesetzt zu lassen. Der feucht-heisse Luftdruck sowie der Lärm startender Maschinen wirken benebelnd. Zuvorkommend werde ich zu einem sicheren Raum im Schiffsinneren geleitet. Sicherheit wird gross geschrieben. Erst jetzt darf ich die Rettungsutensilien ablegen. «Willkommen in der schwimmenden Stadt», lautet der kurze Gruss des Public Affairs Officers, Jim Walker.

Gigantische Ausmasse

Die «USS Kennedy» zählt 5200 Mann Besatzung. Rund die Hälfte ist für die Versorgung, die Navigation sowie den Unterhalt zuständig. Die andere Hälfte betreut den Flugbetrieb. 85 Flugzeuge befinden sich an Bord, mehrheitlich F/A-18 Hornet, F-14 Tomcat und EA-6b Prowler. Zwei Helikopter halten sich zu Rettungseinsätzen bereit.

Das Flugdeck ist 315 Meter lang und 76 Meter breit. Insgesamt vier Seile werden nebeinander gespannt und fangen anfliegende Maschinen auf; dies geschieht in voller Fahrt. Das Schiff selbst fährt bis zu 30 Knoten (rund 50 Stundenkilometer) schnell. Jede Einzelheit ist überwältigend: Die vier Schrauben haben einen Durchmesser von je sieben Metern. Ein Anker wiegt 30 Tonnen.

Heimathafen ist Mayport (Florida). Seit ihrem Stapellauf im Jahr 1968 war die «Kennedy» an vielen wichtigen Operationen beteiligt: Kampfjets des Carriers schossen 1989 im Mittelmeer zwei libysche Maschinen ab. Im Januar 1991 war das Schiff vorübergehend Kommandozentrale der «Operation Desert Storm». Während des Golfkriegs schoss die Besatzung insgesamt 114 Cruise Missiles ab; ihre Piloten flogen 2900 Einsätze.

Admiral Michael Johnson kommandiert von der «Kennedy» aus die gesamte Schlachtgruppe, zu der zwei U-Boote, ein Zerstörer, ein Kreuzer sowie mehrere Versorgungs- und Landungsschiffe gehören. Im Gespräch mit der BaZ rühmt er die Besatzung in den höchsten Tönen: «Meine Jungs haben noch nie verloren. Sie sind hochmotiviert und professionell», lobt er und ergänzt: «Was auf den ersten Blick wie Chaos aussieht, ist in Wirklichkeit Ballett.»

Gleichzeitig gesteht Johnson ein, dass das Flugdeck ein «ausgesprochen gefährlicher Arbeitsplatz» ist. Wie geht der Kommandant mit dem Unfallrisiko um? Seine Antwort lautet: «Training, Training, Training.» Neben der technischen Ausbildung habe die «mentale Vorbereitung auf einen allfälligen Zwischenfall» einen «sehr hohen Stellenwert», betont er.

Flugzeugträger werden wichtiger

Flugzeugträger sind wegen ihrer Unabhängigkeit und Grösse wichtige militärstrategische Standbeine einer Militärmacht. Nach Aussage von Admiral Donald Pillig, Vize-Admiral der «US Naval Operations», werden künftige Konfrontationen mit Diktatoren und Despoten nicht von Landarmeen, sondern von der Navy und der Air Force gewonnen.

Bisher galt die Doktrin, dass die US-Streitkräfte maximal in zwei regionale Konflikte involviert sein können. Neu werden auch Engagements in drei oder vier Regionalkriegen für möglich gehalten. Dies hat Folgen: Pentagon-Planer sowie Mitglieder des Militärausschusses im Kongress sind der Ansicht, dass die Navy mehr Flugzeugträger braucht. Derzeit besitzt sie elf; zwei weitere sind im Bau.

Das Leben an Bord der «schwimmenden Stadt» lässt sich am besten während eines Rundgangs beobachten. Zuoberst im Turm überwacht der Air-Boss den Luftverkehr. Pausenlos starten und landen Maschinen. Die Kampfflieger sind Teil des Manövers. Laut Szenario führen zwei fiktive Staaten, Korona und Kartuna, Krieg gegeneinander. Die «USS Kennedy» hat den Auftrag, Korona sowie deren Verbündete zu schützen.

Von der Funkbrücke aus leiten Air-Boss Dan Onakage sowie Mini-Boss Greg Novak den gesamten Luftverkehr. Fein säuberlich protokollieren Helfer die einzelnen Bewegungen. Unten auf dem Flugdeck bereiten Mechaniker wartende Maschinen für den Start vor. Mit Handzeichen verständigt sich die Deck-Crew mit den Piloten.

Riesiger Bedarf an Treibstoff

Eine Etage tiefer, auf der Kommando-Brücke, überwacht der Kapitän das Auftanken des Flugzeugträgers. 1,9 Millionen Gallonen Treibstoff (rund 7,2 Millionen Liter) werden von einem Tankschiff auf die «USS Kennedy» gepumpt. Der Steuermann hält Kurs, während der Funker mit seinem Kollegen auf dem Tankschiff kommuniziert.

Auch im Hangar, im Maschinenraum sowie in den Labors herrscht professionelle Hektik. In der Küche werden täglich 15 600 Mahlzeiten zubereitet. Zusätzlich braucht es pro Tag 800 Laib Brot. Die Vorräte im Wert von 3,3 Millionen Dollar reichen für 80 Tage. Food-Direktor Don Homes verweist auf die grosse Auswahl: Neben Gemüse, Fleisch und Milchprodukten liebt die Besatzung Pizza oder Burger. «Ein leckeres Essen garantiert eine gut gelaunte Mannschaft», berichtet Homes.

An der Verpflegung dürfte es nicht liegen, dass die Navy, genau wie die US-Army und die Air Force, an Nachwuchsmangel leidet. 22 000 von insgesamt 375 000 Navy-Stellen sind unbesetzt. Präsident Clinton hat dem Kongress eine generelle Salärerhöhung von 9,9 Prozent beantragt. «Das Leben auf See ist nicht jedermanns Sache», weiss Admiral Johnson. Der Kontakt zur Familie leidet. Einsamkeit und Heimweh können Neulinge überwältigen. Colleges bieten lukrative Stipendien. Die Konjunktur läuft gut: Statt bei der Navy sucht man sich lieber einen Job in der Privatwirtschaft.


«Kampfpiloten sind aggressive Persönlichkeiten»

ps. Eller Ajello sitzt im Warteraum des 86. Kampfgeschwaders. Der F/A-18-Pilot wartet auf seinen nächsten Einsatz. Auf Monitoren ist die Tagesschau des US-Senders CBS zu sehen. Ein anderer Bildschirm zeigt das Flugdeck der «USS Kennedy» aus verschiedenen Perspektiven. Unter Getöse wird gerade ein Jet von Bord katapultiert.

Pausenlos klingeln Telefone. Über Lautsprecher sind Funksprüche der Flugkontrolle, des «War Room» und der Piloten zu hören: «101 take-off.» «Confirmed.» «101 airborn.» «Mission 35.25 North, 46.89 West.» «Confirmed.» «Target 46.39 South, 11.99 East.» «Confirmed.»

«Ruhe dich aus»

Im bequemen Armsessel döst Leutnant Ajello vor sich hin. Aus einer Kaffeemaschine blubbert eine schwarze Brühe in einen Krug. An der Wand hängen Einsatzpläne, Wettermeldungen, Flugrapporte, technische Berichte und einige Karikaturen. «Ruh dich aus, so oft du kannst», lautet die Empfehlung auf einem Banner.

Ajello ist 29-jährig, verheiratet und gehört der Navy seit 1993 an. Dank ihr hat er seinen Bubentraum verwirklicht: Seit drei Jahren fliegt der grossgewachsene Italo-Amerikaner auf der «USS Kennedy» Kampfjets. «Wir Piloten sind aggressive Persönlichkeiten», erklärt er dem Besucher. «Wir attackieren unsere Ziele wie Hunde die Katzen.» Nach sechsjähriger Flugpraxis kennt er Todesangst nur noch nachts, und auch dies nur unter besonders gefährlichen Umständen. «Tagsüber auf der ‹Kennedy› zu landen, macht richtig Spass», meint er und ergänzt scherzend: «Bezahlt werden wir für die Nachtlandungen.» Schlechte Erinnerungen hegt er an jene Nacht, in der er dreimal hintereinander durchstarten musste: «Anschliessend schickte mich der Air-Boss zur Erholung auf einen Landflughafen. Die Rückkehr aufs Schiff war eine überaus peinliche Erfahrung.» Auf einen Unfalltod oder eine Gefangennahme nach einem Abschuss fühlt sich Ajello ausreichend vorbereitet. «Wir leben mit dem Crash-Risiko und machen uns täglich unsere Gedanken.» Die totale Überlegenheit der US-Waffensysteme gebe ihm Selbstvertrauen, erklärt der Pilot, der während der Operation «Southern Watch» 1997 viereinhalb Monate lang «Erfahrung in einer feindlichen Umgebung» sammeln konnte.

Das Bordleben ist zur Routine geworden: Schlafen, Essen, Pikettdienst, Fliegen, Freizeit, Schlafen … Nach der Tagwacht und dem Frühstück absolviert Ajello ein erstes Briefing. Eine halbe Stunde später begutachtet er sein Flugzeug im Hangar. Dabei stellt er einen Defekt fest und beauftragt einen Mechaniker mit der Reparatur.

Um 9.30 Uhr steigt er auf dem Flugdeck in seine angeblich geflickte Maschine. Beim «Andocken» stellt die Crew fest, dass die Katapulthalterung nach wie vor klemmt. Aussteigen und zurück in den Hangar, lautet das Kommando. Während sich die Spezialisten des Problems annehmen, legt sich der Pilot für zwei Stunden aufs Ohr.

Nach dem Mittagessen klappt es mit dem Start. Ausgeruht fliegt Ajello vor der Küste South Carolinas einen Doppeleinsatz, tankt zweimal in der Luft auf und kehrt erst gegen 18 Uhr auf den Flugzeugträger zurück. Dem Abendessen folgen ein Abschluss-Briefing sowie ein Training im Kraftraum. Kurz vor Mitternacht, während der nächsten Pikettphase, findet er dann Zeit für das Gespräch mit der BaZ.

Ohne Familie und Freunde

Feldweibel Barbara Smith arbeitet im Elektronikraum. Die Fiber-Optik-Spezialistin ist gerade dabei, ein defektes Satellitenradar (Global-Positioning-System, GPS) zu flicken. Die 28-jährige ist seit elf Jahren bei der Navy. «Auf dem Schiff habe ich meine guten und meine schlechten Tage. Wenn ich arbeite, geht es mir blendend; in der Freizeit wünsche ich mir oft, ich wäre an Land.» Barbara vermisst ihre Eltern in Pennsylvania sowie ihre Freunde.

Zur Navy ging sie aus Karrieregründen: «In einigen Jahren möchte ich an ein College geschickt werden und dort ein Elektronik-Diplom machen. Wenn ich nach 25 Dienstjahren pensioniert werde, suche ich mir einen zweiten Job, entweder bei der Flugüberwachung oder bei der Flugaufsichtsbehörde FAA», träumt sie.

Trotz mehrerer Beziehungen hat sie den richtigen Mann fürs Leben noch nicht gefunden. Das Schiff ist für die Partnersuche wohl auch nicht der optimale Ort. «Positive Entwicklungen» festgestellt hat sie immerhin in Sachen «sexueller Belästigung»: «Heute werde ich von der mehrheitlich männlichen Besatzung viel weniger angemacht als vor zehn Jahren», berichtet Barbara. Sie führt dies primär auf das Training und die erhöhte Aufmerksamkeit zurück, die dem Thema beim Militär geschenkt wird.

Angst vor dem Tod hat die junge Frau nicht. Im vergangenen Jahr verbrachte sie sechs Monate im Persischen Golf. Auch der neue Einsatz der «USS Kennedy» in der Golfregion lässt sie kalt: «Wir sind auf alle möglichen Zwischenfälle vorbereitet. Ausserdem ist unser Schiff hervorragend geschützt. Ich bin sicher, dass es Saddam Hussein nicht wagt, uns anzugreifen.»

Nicht Teil der Kriegsmaschinerie

Eine ähnliche Einstellung wird bei Edward Crawford spürbar: «Die ‹USS Kennedy› ist ein unsinkbares Schiff und ein idealer Arbeitsplatz zugleich», meint er. Der 19-Jährige aus dem Bundesstaat Mississippi kam vor einem Jahr an Bord und leistet seither als Gehilfe im Büro des Schiffssekretärs Dienst: Er tippt Protokolle, schreibt Tagesbefehle und verschickt Pakete. Während unseres Gesprächs ist er gerade mit dem Verschnüren der «Trauerfahne» beschäftigt, die an die Kennedy-Familie gesandt wird. Die Flagge war während einer Schweigeminute aus Anlass des tragischen Unfalls von John Kennedy jr. auf Halbmast gesetzt worden.

Crawford, dessen Grossvater zur See fuhr, meldete sich unmittelbar nach der High School zum Militärdienst, weil er nicht seiner Mutter zur Last fallen wollte. Die finanzielle Hypothek für die sieben restlichen Kinder sei hoch genug, findet er. So zog der junge Farbige aus, um bei der Navy eine Ausbildung zu erhalten. Verpflichtet hat er sich für vier Jahre, in der Hoffnung, anschliessend an ein College geschickt zu werden.

Die Bezahlung ist schlecht

Die Diskriminierung auf dem Schiff bezeichnet er als «minimal». Die Hautfarbe sei «weder für Vorgesetzte noch für Kameraden ein Thema». Die Bezahlung indes könnte besser sein. Crawford verdient 850 Dollar monatlich. Von diesem Geld muss er die Uniform bezahlen. Den Rest schickt er seiner Mutter. «Für die Ausbildung meiner Geschwister», wie er stolz erzählt.

Der Dienst auf einem Kriegsschiff scheint für ihn Einstellungssache. Selbstverständlich möchte er später in einem zivilen Job arbeiten. Für den Moment aber besitzt er keine Alternative. Trotzdem: «Ich verstehe mich nicht als Teil der amerikanischen Kriegsmaschinerie, sondern als Peacekeeper.»

«Auf dem Schiff habe ich meine guten und meine schlechten Tage. Wenn ich arbeite, geht es mir blendend. In der Freizeit wünsche ich mir oft, ich wäre an Land.»

Donnerstag, Dezember 21

Amerika steht für Pioniergeist, Vielfalt und Pragmatismus


Die USA werden zuweilen abschätzig identifiziert mit McDonald's, Puritanismus und Oberflächlichkeit. In einer Schlussbilanz beschreibt unser Washingtoner Korrespondent, warum die Nation nach seiner Ansicht auf Pioniergeist, Vielfalt, Lebenslust und Pragmatismus gebaut ist. «Auf der Suche nach Amerika»: Ein Streifzug durch Neu-England.

Microsoft, Netscape, Yahoo und Amazon.com, die Mega-Unternehmen der amerikanischen New Economy, sind erst wenige Jahre alt. Aber im Grunde genommen hat die Erfolgsgeschichte der Internet-Industrie 1620 in Plymouth (Bundesstaat Massachusetts) begonnen. Nirgendwo wird die offene Unternehmenskultur, die Risikobereitschaft, der Pioniergeist deutlicher als auf der Plymouth-Plantation: In der zwischen Boston und Cape Code gelegenen Einwanderersiedlung begannen die auf der «Mayflower» übers Meer gekommenen Pilgerväter vor 380 Jahren ein neues Leben. In historischen Kostümen zeigen deren Nachfahren, wie die Pioniere Hütten bauten, Essbares pflanzten und Grütze kochten. «Damit mein Mais besser gedeiht, lege ich einen Hering in die Erde», erläutert Bauer Cookes in Alt-Schottisch.

Von Peter Schibli, Washington

Armut, hohe Steuern, Diskriminierung und religiöse Verfolgung hatten die Siedler über den Atlantik getrieben. Unzureichend ausgerüstet und von brutalen Naturgewalten, feindlichen Indianerstämmen und einem harten Alltag herausgefordert, kämpften sie um das Überleben. Innovativ gründeten die Abenteurer neue Betriebsformen, schlossen sich zu Bürgerräten zusammen und verteidigten das Erarbeitete verbissen gegen die britische Krone. Genau diese Härte, die unstillbare Sehnsucht nach Unabhängigkeit, der unzerstörbare Optimismus und die beachtliche Risikobereitschaft sind Teil des «American Spirit». Ohne die Kraft und die Erfolgsgeschichte der Pilgerväter wäre Amerika nie das geworden, was es heute ist: eine Weltmacht und Wirtschaftslokomotive.

Selbstverständlich gilt dieser Anspruch nicht absolut. Auf der Plymouth-Plantation wird klar, wie rücksichtslos die weissen Einwanderer mit der Urbevölkerung, den Indianern, umgingen. Am Eel-River duldete man die «Rothäute» nur im Wampanoag-Dorf. In der Schwestersiedlung Jamestown (Virginia) und im Westen des Landes wurden die Indianer gnadenlos vertrieben, bekämpft oder ermordet. Eine faire Kompensation für das erlittene Unrecht bleibt den Ureinwohnern bis heute vorenthalten. Diese Hypothek lastet schwer auf Amerikas «heldenhafter Geschichte», obwohl die meisten US-Bürger dies nicht wahrhaben wollen.

Einwanderungswellen

Ebenso fundamental wie der Pioniergeist war die Einwanderung von 50 Millionen Menschen zwischen 1820 und 1985. 38 Millionen kamen allein aus Europa. Das 12 000-Seelen-Dorf Manville im nördlichen New Jersey steht stellvertretend für diese Entwicklung: An der Stadtgrenze zu New York haben sich Russen, Ukrainer, Tschechen, Slowaken, Polen und Balten niedergelassen. Die Hälfte der Bevölkerung stammt aus Osteuropa.

Die meisten «Manviller» sind bei einem örtlichen Industriebetrieb beschäftigt. Der Multi Johnson&Johnson gibt dem gebürtigen Polen Anthony Dmochowski Arbeit. Der Handwerker lebt ein Leben, das in seiner Heimat so nicht möglich wäre. Dank Zusatzeinkommen der Ehefrau und zahllosen Überstunden kann die Familie Dmochowski im eigenen Haus wohnen und der Tochter ein Wirtschaftsstudium an einer bekannten Universität bezahlen. Mit dem Rest hat sich Anthony in Pennsylvania ein Ferienhäuschen mit Seeanstoss gekauft. Der «American Dream» ging für ihn in Erfüllung. Sohn Robert, jugendliches Beispiel des «Melting Pot», hat mit dem Heimatland seines Vaters nicht mehr viel gemeinsam. Mit Leib und Seele ist der 17-Jährige patriotischer Amerikaner. In wenigen Wochen beginnt er die Rekrutenschule als Marine-Soldat. Im Anschluss an die vierjährige Ausbildung will er auf Staatskosten studieren und «seinem Land treu dienen».

Weisse bald als Minderheit

Manville gleicht einem slawisch-amerikanischen Klon: Polnische und russische Restaurants stehen neben WalMart, Kentucky-Fried-Chicken und Home Depot. Am Sonntagmorgen gehen die Dmochowskis in die Kirche, wo ein polnischer Priester eine Messe zelebriert. Selbstverständlich sprechen alle Polnisch. «Hier lässt sichs leben. Hier gibt es immer genug zu essen. Das Fernsehprogramm ist abwechslungsreich, und mein Dach über dem Kopf hält dem Regen stand», freut sich Schwiegervater Boleslaw Skwira. Der 82-Jährige war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpolen, wo seine Familie zuerst von den Russen und dann von den Deutschen vertrieben wurde, in die USA geflohen. Freiheit ist für ihn keine Worthülse: In Manville hat er Freiheit, Sicherheit und Wohlstand gefunden.

Indes: In vielen Städten und Regionen verändert sich der Mix der ethnischen Vielfalt. Seit Beginn der achtziger Jahre wandern hauptsächlich Latinos und Asiaten ein. Die Weissen werden langsam, aber sicher zu einer eigenen Minderheit. Vorausgesetzt, die Zuwanderung hält an, dürften die USA ab der Mitte des Jahrhunderts eine Nation von Minderheiten sein, prognostizieren die Demoskopen. Damit verbunden ist die Verschiebung vom «Melting Pot», in dem sich die Einwanderer bisher an die amerikanischen Gepflogenheiten anpassten, zur «Salad Bowl», zur Salatschüssel. Die neu immigrierenden Latinos und Asiaten drängen darauf, ihre individuellen Bräuche zu pflegen. Den «American Way of Life» lehnen sie ab. Diese Entwicklung könnte in den kommenden Jahrzehnten zu erheblichen sozialen und politischen Spannungen zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen führen.

Polizeigewalt am Broadway

Spürbar ist die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas bereits heute in New York City, wo Vertreter der unterschiedlichen Klassen um Macht und Einfluss ringen. Unüberhörbar sind derzeit die Schwarzen, die unter Führung des Bürgerrechtlers Al Sharpton regelmässig gegen Polizeibrutalität, Diskriminierung und Verarmung demonstrieren. Während wir über den Broadway schlendern, zeigt die Staatsmacht ihre Muskeln: Mehrere hundert Polizisten nehmen 27 Farbige fest, welche den Times Square besetzt halten. Das «Vergnügungsviertel» Manhattans repräsentiert die amerikanische Verschwendungs- und Konsumgesellschaft. Wer über genügend Geld verfügt, kann in einem der schillernden Theater eine Revue sehen oder an der 47. Strasse Juwelen kaufen. «Having fun durch Konsum» gilt hier rund um die Uhr.

Obdachlose, Bettler und Geisteskranke dagegen werden systematisch aus Manhattan vertrieben, damit die Luxusgesellschaft an dem Elend nicht Anstoss nehmen muss. Doch die Vorzeigepolitik von Bürgermeister Rudy Giuliani ist verlogen und verdrängt die bestehenden Probleme nur. Wenige Stunden nach ihrer «Deportation» tauchen die Obdachlosen und Bettler nämlich wieder in Manhattan auf. Andere ziehen in die Aussenquartiere und werden dort zum «Stein des Anstosses». Die von «Saubermann» Giuliani bekämpften Sex-Shops ändern ihre Logos und Lokalitäten, um kurz darauf in einer anderen Avenue wieder Geschäfte zu machen.

Entwicklung in Harlem

Viel versprechend ist die Entwicklung im Stadtteil Harlem: In den vergangenen drei Jahren wurden zahlreiche der heruntergekommenen Brownstone-Häuser renoviert und verkauft. Geschäftsleute und Familien mit Kindern sind eingezogen. Dadurch haben die Strassen an Lebensqualität gewonnen. Die Kriminalität konnte zurückgedrängt werden. Gunilla Perez-Faringer, eine schwedische Journalistin, erstand 1992 in Hamilton Heights ein Mehrfamilienhaus, baute dieses um und vermietet heute vier der fünf Wohnungen an Touristen. «Harlem hat mich immer fasziniert. Der Stadtteil ist untrennbar mit Jazz, Kunst und Kultur verbunden», schwärmt sie.

Zufrieden mit seinem Leben ist auch Michael Wainwright: «Wer seine Fantasie und die vor ihm liegenden Gelegenheiten nutzt, kann es weit bringen», philosophiert der junge Töpfer. Im Stadtteil Brooklyn betreibt er in einer alten Fabrik ein eigenes Studio. Der 35-Jährige hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Tag für Tag produziert er exklusive Teller, Tassen, Untersätze und Schüsseln. Seine Markenzeichen sind der Gold-, Silber- und Platin-Rand. Auch Michael träumt den amerikanischen Traum: Wenn sein Geschäft in den kommenden Jahren weiter so gut läuft, möchte er junge Töpfer anstellen und sich auf das Design und Marketing seiner Produkte konzentrieren. «Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer. Meine Firma soll wachsen», meint er optimistisch.

Glace aus Vermont

Dass sich Unternehmergeist auszahlt, erleben wir in Vermont: Auf einer Führung durch die Glace-Fabrik Ben&Jerry's in Waterbury lernen wir die Firmengeschichte kennen: Ben Cohen und Jerry Greenfield, die beiden Gründer, lernten sich zu Beginn der siebziger Jahre als Schüler kennen. 1977 zogen sie nach Vermont und eröffneten nach erfolgreicher Absolvierung eines Fernlehrganges einen Glace-Laden. In einer alten Tankstelle in Burlington testeten sie neue Geschmacksstoffe. Dabei entstand ein Qualitätseis, das heute auch in Europa Anklang findet. 1985 stieg der Geschäftsumsatz auf 20 Millionen Dollar. Der Bau einer neuen Fabrik wurde notwendig. Der Bau in Waterbury legte den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg. 1992 wuchs der Umsatz auf 131 Millionen, 1997 auf 197 Millionen und 700 Mitarbeiter. Im letzten Winter wurde Ben&Jerry's für 326 Millionen Dollar an den holländischen Unilever-Konzern verkauft. Ist die Belegschaft schockiert? «Solange wir Arbeit haben und Qualitätseis herstellen, ist es uns egal, wo unser Boss sitzt», erklärt eine Angestellte.

Immerhin: Ben Cohen und Jerry Greenfield sind ihrem Versprechen treu geblieben. Die beiden Jungunternehmer, die es dank Innovation und harter Arbeit zu Millionären gebracht haben, finanzieren eine «Stiftung zum Schutz der Kinder». 7,5 Prozent des Jahresgewinns fliessen in die Stiftungskasse. Damit eifern sie namhaften Philantropen nach, die Millionenbeträge für wohltätige Zwecke lockermachen.

In Burlington treffen wir Gene Pawlikowski, der vor einigen Monaten von Washington D.C. in den hohen Norden gezogen ist. «In Vermont regieren Vernunft und Pragmatismus. Hier gibt es keine politischen Grabenkämpfe», bilanziert der Ziegelsteinverkäufer seine ersten Eindrücke und ergänzt: «In Vermont lehnt man ein Wachstum um jeden Preis ab.» In der Tat: Grossverteiler wie Target oder WalMart haben hier einen schweren Stand. Das lokale Gewerbe wehrt sich mit Händen und Füssen gegen die Mega-Ketten und wird vom Gesetzgeber darin unterstützt. Auch bezüglich Umweltschutz ist Vermont fortschrittlicher als andere Bundesstaaten: Recycling ist hier kein Fremdwort. Wer den Lake Champlain verschmutzt, wird bestraft. Der Bau neuer Skigebiete ist mit strengen Auflagen verbunden.

Das beste Beispiel für «politischen Pragmatismus» lieferte vor drei Monaten das Vermont-Parlament: Während in anderen Bundesstaaten hitzig über eine Entkriminalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe gestritten wird, hat der Gesetzgeber im April ein Dekret verabschiedet, das die «Civil Union» für rechtens erklärt. Der Begriff Schwulen-Ehe wurde bewusst vermieden. «Hier handelt man mit kühlem Kopf und legalisiert, was ohnehin schon Realität ist», kommentiert Pawlikowski.

Sport als Religion

Was wäre ein Streifzug durch Amerika ohne einen Zwischenhalt beim Thema Baseball? Dass neben der römischen Maxime «Brot und Spiele» Sport in den USA Religionscharakter hat, wird uns in der «Baseball Hall of Fame» bewusst. Das «Heiligtum» aller Baseballspieler befindet sich in Cooperstown (Bundesstaat New York). In dem Museum, das einer Kathedrale gleicht, sind die Baseball-Legenden aller Zeiten verewigt. Kupferne Abbilder der Helden prangen mit Text und Lebensdaten im «Seitenschiff». Im «Altarbereich» wird das Home-Run-Derby zwischen Mark McGuire und Samy Sosa gefeiert. Andächtig-religiös ist die Stimmung in der «Ruhmeshalle»: Tief ergriffen bestaunen die Fans die Reliquien ihrer Idole. Historische Bats, Bälle und Schuhe erinnern an gewonnene Spiele.

Kontrovers, aber innovativ

Die Sportart hat - neben dem Leistungselement - viel Patriotisches an sich: Amerikanische Väter pflegen mit ihren Söhnen sonntags im «Backyard» zu spielen oder gemeinsam mit der Familie das Derby des Lokalfavoriten zu besuchen. Die amerikanische Nationalflagge wird dabei ebenso geachtet wie die Werte Respekt, Fairness und Disziplin. Wer die amerikanische Leidenschaft für Baseball nie persönlich in einem «Ballpark» erlebt hat, kann wohl Amerika nicht vollständig verstehen.

Die USA sind ein widersprüchliches Land: In Europa gängige Clichés wie McDonald's, Puritanismus oder Oberflächlichkeit werden der Realität nicht gerecht. Amerika ist mehr als Fast Food, unverzichtbare Weltmacht oder gelbe Schulbusse. Amerika ist vielfältig, innovativ, kontrovers und voller innerer Gegensätze. Amerika ist nicht besser oder schlechter als Europa. Amerika ist anders.

Die USA ohne Baseball - unvorstellbar. Baseball ist Leistung, Baseball ist Patriotismus. Der Sport hat schon beinahe Religionscharakter.Vollständig verstehen, so die Meinung unseres langjährigen USA-Korrespondenten, kann das Land wohl nur, wer die amerikanische Leidenschaft für Baseball persönlich miterlebt hat.

Wechsel in Washington

BaZ. Mit diesem Text verabschiedet sich Peter Schibli vom Washingtoner Korrespondentenposten der Basler Zeitung. Fünf Jahre lang hat Schibli innen- wie aussenpolitische Vorgänge und Entwicklungen in den USA beobachtet und in Berichten, Kommentaren, Reportagen oder Hintergrundbeiträgen festgehalten. Schibli, der 1989 bis 1995 als Deutschland-Korrespondent gearbeitet hatte, kehrt nach Basel zurück und wird in der Redaktion neue Aufgaben übernehmen. Die Nachfolge in Washington wird im Juli Dieter Ostermann antreten, der für die BaZ früher aus Moskau berichtet hat. (Juni 2000)

Mittwoch, Dezember 20

Botschafter Jagmetti fürchtet um das Ansehen der Schweiz


1996 standen Sie im «Zentrum des Sturms»: Carlo Jagmetti, Schweizer Botschafter in Washington, und sein Pressesprecher, David Vogelsanger, wurden mit Fragen und Interview-Wünschen amerikanischer Medien zum Thema der jüdischen Vermögen geradezu überrollt. Wie ist die Stimmung in den USA? Die BaZ sprach mit Botschafter Jagmetti.


BaZ: Im Zusammenhang mit der Suche nach jüdischen Vermögen und dem Raubgold wirft der amerikanische Senator Alfonse D'Amato der Schweiz «Unehrlichkeit», «Täuschung» sowie «Widerspenstigkeit» vor. Welche Motive verfolgt der Politiker?

Carlo Jagmetti: Der Senator aus New York und sein Mitarbeiterstab sind seit Monaten ausgesprochen aktiv. Weil wir mitten in einem Wahljahr stecken, ist ein generelles politisches Interesse festzustellen. Senator D'Amato steht in zwei Jahren zur Wiederwahl an. Seine Popularität im Bundesstaat New York befindet sich gemäss Umfragen auf einem Tiefststand. Um wiedergewählt zu werden, muss er möglichst früh mit seiner Kampagne beginnen - vorausgesetzt, er kandidiert erneut. Da jüdische Wählerinnen und Wähler - traditionell eher Demokraten - in New York ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher Faktor sind, ist das Thema der jüdischen Gelder wichtig.
Und sein Mitarbeiterstab?

Senator D'Amatos Mitarbeiter haben ein persönliches Interesse, sich durch einen aggressiven Arbeitsstil zu profilieren: Im amerikanischen System kommt und geht man mit dem Chef, der das tägliche Brot garantiert. Ausserdem kann ein Mitarbeiter seine Karrierechancen durch einen spektakulären Einsatz möglicherweise verbessern.

Wird auch aus anderen Kreisen Kritik an der Schweiz erhoben?

Grosses Interesse an dem Thema bekunden seit längerem der Jüdische Weltkongress sowie jüdische Organisationen. Aus dem US-Repräsentantenhaus haben sich fünf Abgeordnete gemeldet und im Rahmen einer normalen Erkundungstätigkeit ihr Interesse bekundet. Inzwischen ist auch die Regierung aktiv geworden: Das State Department hat einen Sonderbeauftragten für herrenlose Vermögen in Osteuropa eingesetzt und beim Historikerbüro eine Studie zu der Problematik in Auftrag gegeben.

Wie erklären Sie die Tatsache, dass die Vorwürfe in den amerikanischen Medien auf grosse Aufmerksamkeit stossen?
Ein wichtiger Grund ist zweifellos, dass mit der Vermögenssuche tiefe menschliche Emotionen verbunden sind: Holocaust-Überlebende, mehrheitlich Senioren, beklagen, von den Banken um ihr Familienvermögen geprellt worden zu sein.

Ein zweiter Faktor ist unser aller Kurzzeitgedächtnis: Nur die wenigsten können sich daran erinnern, dass bereits vor Jahrzehnten über die gesamte Materie verhandelt wurde. Die medienwirksame Überraschung, die jetzt täglich gespielt wird, wenn wieder ein «Archivfund» an die Öffentlichkeit kommt, ist - rein menschlich gesehen - verständlich. Institutionell ist sie jedoch nicht gerechtfertig.

Die Schweizer Archive sind offen. Viele der von Senator D'Amato präsentierten Dokumente werden in der historischen Literatur zum «Washingtoner Abkommen» ausführlich behandelt und waren der damaligen amerikanischen Verhandlungsdelegation bekannt. Von der Öffentlichkeit wurden sie nur nicht zur Kenntnis genommen.

Besitzt die Schweiz ein Nachholbedürfnis bezüglich Vergangenheitsbewältigung?

Bundesrat Villiger hat sich im Mai 1995 als Bundespräsident in seiner Rede zum 50. Jahrestag des Kriegsendes bemüht, einen ehrlichen Schritt in diese Richtung zu tun. Diese wichtige Ansprache sowie die Öffnung der amerikanischen Archive mögen beide dazu beigetragen haben, dass auch im Ausland ein grosses Interesse an einer Aufarbeitung dieser Periode unserer Geschichte entstanden ist.

Erfolgt die Fortsetzung der Aufarbeitung freiwillig, oder wurde sie durch Druck aus dem Ausland erzwungen?

Schweizer Historiker haben von sich aus wesentliche Beiträge geleistet. Was die jüdischen Gelder betrifft, wurde die Einsetzung der Volcker-Kommission sowie der Bundesbeschluss über eine nationale Historikerkommission zweifellos durch Druck von aussen beschleunigt. Inwiefern die Bankiervereinigung durch ihre erste Untersuchung zu diesem Druck beigetragen hat, bleibt abzuklären. Gewiss wurden psychologische Ungeschicklichkeiten begangen, die die heutigen Anschuldigungen mitprovoziert haben. Wir hätten früher auf einen Dialog mit den Holocaust-Hinterbliebenen eintreten müssen.

Wie gehen die amerikanischen Kritiker mit dem Kriterium «Wahrheit» um?

Senator D'Amato und seine Mitarbeiter vertreten die Strategie, dass sie die Wahrheit entdecken, die wir Schweizer verstecken wollen. Beides ist falsch: Wir wollen die Wahrheit nicht verstecken, weil diese bereits bekannt ist.

Welche Auswirkungen haben D'Amatos Aktionen auf das Image der Schweiz in den USA?

Unser Land genoss in den USA bislang ein hohes Ansehen. Dieses Bild könnte in Zukunft leiden, je mehr Fragen uns gestellt werden und je länger die interessierten Kreise auf Antworten warten müssen.

Welche Reaktionen registrieren Sie auf offizieller Regierungsebene?

Mit unseren Gesprächspartnern im State Department haben wir einen permanenten Gedankenaustausch vereinbart. Als weiteren Schritt planen wir, die amerikanischen und schweizerischen Fachleute zusammenzubringen und der Sache auf den Grund zu gehen. Wir haben ein eminentes Interesse, dass die volle Wahrheit auf den Tisch kommt.

Stehen Sie in persönlichem Kontakt mit Senator D'Amato?

Ich bin bisher einmal mit seinen Mitarbeitern zusammengetroffen, habe mich aber vergeblich um ein Treffen mit ihm bemüht. Leider hat er überhaupt nicht reagiert. Wenn Herr D'Amato das Gespräch auch weiterhin verweigert, ist dies für mich ein Zeichen dafür, dass kein echtes Interesse an einem Dialog besteht.

Wie antworten Sie Kritikern, die behaupten, die Schweizer Bemühungen um eine historische Aufarbeitung seien unehrlich und könnten nicht ernst genommen werden?

Senator D'Amato hält uns für unglaubwürdig. Dies ist ein Hauptproblem. Wir glauben, einen Anspruch darauf zu haben, fair behandelt zu werden: Wir haben unseren Willen bekundet, die Unklarheiten aufzuarbeiten. Jetzt soll man uns diese Chance auch geben.

Was kann die Schweizer Regierung tun, um publizistisch angemessen und aktuell auf die Anschuldigungen zu reagieren?

Wir müssen ein klares Konzept erarbeiten und lernen, endlich alle am gleichen Strick zu ziehen. Bei der Umsetzung der neuen Informationspolitik sollten die Auslandsvertretungen und insbesondere die Botschaften in London und Washington einbezogen werden.

Welche Auswirkungen könnten die Dauervorwürfe aus dem «Büro D'Amato» im Inland zur Folge haben?

Es besteht Anlass zur Sorge, dass die Stimmung in der Schweiz beeinträchtigt wird. Ich hoffe persönlich, dass die Sache von allen Seiten mit dem nötigen Mass an Objektivität diskutiert und nicht mit Gegen-Emotionen auf Emotionen reagiert wird. Dies wäre insbesondere für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz höchst unerfreulich.

Welche Dimension hat die Affäre um die Suche nach jüdischem Vermögen und das Nazi-Raubgold angenommen?

Was als privatrechtliche Auseinandersetzung zwischen Holocaust-Überlebenden und Schweizer Geschäftsbanken begann, hat sich zu einer zwischenstaatlichen Angelegenheit entwickelt. Wir müssen damit rechnen, dass uns die amerikanische Administration in Zukunft vermehrt auf die Problematik ansprechen wird.

Interview Peter Schibli, Washington

«Wir haben ein eminentes Interesse, das die volle Wahrheit auf den Tisch kommt.» Dies meint Carlo Jagmetti, US-Botschafter in Washington, zurzeit für die amerikanischen Medien ein begehrter Interviewpartner für Fragen zum Schicksal von Vermögenswerten jüdischer Holocaust-Opfer und zum Raubgold.

Zur Person

Washington. ps. Botschafter Carlo Jagmetti vertritt die Schweiz seit Mai 1993 in den Vereinigten Staaten. Der 64jährige Zürcher Jurist war 1962 in den diplomatischen Dienst eingetreten. Nachdem er zunächst in den Hauptstädten Rom und London stationiert war, übernahm er später auch in Seoul, Brüssel und Paris Funktionen im diplomatischen Dienst.

In den siebziger Jahren amtierte der Zürcher Carlo Jagmetti als Chef der Delegationen bei den Efta-, Gatt- und Unctad-Verhandlungen. Von 1982 bis 1987 war er Schweizer Missionschef bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel, anschliessend wechselte er als Botschafter in die französische Hauptstadt Paris.

Montag, Dezember 18

Aus Sicht des Zugreisenden: Welcome to Bern










Wer mit dem Zug von Basel/Zürich her über den..... ....Lorraine-Viadukt in den Berner Bahnhof einfährt, bekommt - bei gutem Wetter - Aare, Münster, Altstadt und Alpen zu sehen. Da ich diesen Anblick derzeit regelmässig geniessen darf, fotografiere ich die Silhouette bei jedem Wetter. Die Bilder wurden aus dem fahrenden Zug mit einem Qtek-Handy gemacht.

Richterliche Ohrfeige für US-Staranwalt


Es gibt sympathische Anwälte und weniger sympathische. Es gibt solche, die sich für ihre Mandanten engagieren und andere, die nur aufs Abkassieren eingestellt sind. Und es gibt solche, die nicht mit dem Gesetzbuch und griffigen Präjudizien, sondern primär mit medialem Druck fechten.
Der amerikanische Starjurist Ed Fagan gehört in die letzte Kategorie: Seit zehn Jahren sorgt er durch die Übernahme spektakulärer Fälle für Schlagzeilen: Im Verfahren um nachrichtenlose Vermögen bei Schweizer Banken prozessierte Fagan für jüdische Klägerinnen. In Temlin kämpfte er auf der Seite der AKW-Gegner. In Kaprun und Überlingen vertrat er Opferfamilien. Bei den Apartheidsklagen verlor er gar sein Mandat.
Der «Winkeladvokat» liebt theatralisch inszenierte Auftritte. Pressekonferenzen sind für ihn wichtiger als Termine vor dem Richter. Journalisten gehören zu seinen bevorzugten Gesprächspartnern, weil diese seine astronomischen Forderungen in die Öffentlichkeit transportieren.
Berufskollegen werfen Fagan «mangelnde Professionalität» vor: Seinen Klienten verspreche er «das grosse Geld», glänze dann aber bei der Knochenarbeit durch ein «Defizit an Recherche, Seriosität und gedanklicher Sorgfalt», rügte Michael Hausfeld, ein anderer US-Sammelkläger.
Nun hat eine New Yorker Richterin Hausfelds Einschätzung schriftlich bestätigt: Sie verurteilte Ed Fagan vergangene Woche zu 3,2 Millionen Dollar Schadenersatz. Begründung: Er habe die falsche Partei verklagt, vergessen, bei Gegenanwälten Eingaben zu machen und seinen Mandanten nicht über den Stand des Verfahrens informiert. Zudem habe er wichtige Akten unter Verschluss gehalten.
Das «Enfant terrible» der US-Anwälte hat damit die längst fällige Quittung für seine Arroganz und Eitelkeit erhalten. Stoppen wird ihn die richterliche Ohrfeige nicht. Solange er kann, wird Fagan weiter prozessieren. Diesseits und jenseits des Atlantiks.
Peter Schibli (baz 2004)

Sonntag, Dezember 17

Wie das Alphorn nach Helvetia kam


Trachtenmädchen drehen sich im Kreis, Alphornbläser spielen, ein Fahnenschwinger zeigt sein Können: Nicht nur auf dem Männlichen, auch in den abgelegenen Bergen West Virginias wird Schweizer Brauchtum gepflegt. Ein Augenschein im amerikanischen Dorf Helvetia.

Durch dunkle Wälder, vorbei an eingestürzten Hütten und ausgebeuteten Kohlebergwerken windet sich die Strasse durch die Appalachen. Bewohnte Siedlungen sind hier rar. Umso grösser ist die Überraschung, als am rechten Wegrand plötzlich ein «Schweizer Haus» auftaucht: Ein weisses Kreuz auf rotem Grund sowie mehrere Kantonswappen zieren den Holzanbau.

Von Peter Schibli, Helvetia

Helvetia heisst die vor 130 Jahren von Schweizern und Deutschen gegründete Kolonie. Eine Kirche, ein Museum, eine Bibliothek, ein Käserei-Stadel und ein Restaurant von damals sind noch erhalten und erinnern an die Pioniere, die im letzten Jahrhundert aus den Kantonen Bern, Zürich, Aargau, St. Gallen und Appenzell-Ausserrhoden in die Neue Welt kamen.

In Brooklyn (New York) warteten die im Grütli-Verein organisierten Männer und Frauen das Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs ab, bevor sie sich in der Appalachen-Wildnis nach billigem Farmland umsahen. Im dünn besiedelten West Virginia, dem 1863 frisch gegründeten Bundesstaat, wurde ein sechsköpfiges Erkundungskomitee fündig. Im Winter 1869/70 zogen die ersten Familien mit den vertrauten Namen Müller, Zumbach, Suesli, Holzweg, Schilling, Eckart, Karlen, Tögler, Fischer, Metzner, Hässig, Dätwyler, Marti und Zielmann vom Hudson River in das abgelegene Bergtal. Andere kamen aus Ohio und Pennsylvania. Zur ersten Einwandererwelle gehörten Zimmerleute, Maurer, Käser, Schuh- und Hutmacher sowie ein Lehrer, ein Pfarrer und ein Arzt.

Harter Überlebenskampf

Gemeinsam errichteten die Pioniere auf 730 Meter über Meer primitive Blockhütten, bauten Kartoffeln sowie Mais an, weideten an den Abhängen Vieh und trieben Handel. Von den Nachbarn lernten sie das Jagen. 1872 öffnete der erste Dorfladen. Zwei Jahre später konnte eine kleine Kirche eingeweiht werden. 1874 zählte Helvetia 380 Einwohner; um die Jahrhundertwende waren es 500.

Doch die Wachstumsperiode dauerte nicht lange. Zwischen 1940 und 1945 zogen vierzig Schweizer für die amerikanische Armee in den Krieg. In Washington hatten die «Helvetier» den Ruf, loyale Soldaten zu sein. Nach dem Krieg verstärkte sich die Abwanderung gar noch: Arbeitslosigkeit trieb die Menschen in die Industriestädte. Die lokalen Sägereien und der Bergbau konnten nicht alle ernähren.

Heute leben in Helvetia und Umgebung gerade noch 120 Personen. Die meisten haben Schweizer Vorfahren. Einige wenige sind aus Liebe zu «ihrem» Ort zurückgekehrt: Eleanor F. Mailloux, Tochter eines Zürchers und einer Britin, verbrachte zwei Jahrzehnte auf Guam im Pazifik und versucht seit ihrer Heimkehr, den «helvetischen Dorfgeist» am Leben zu erhalten. Die Bibliothekarin Darlene Lucas wurde in Helvetia geboren, zog als vierjähriges Mädchen mit den Eltern weg und kam vor zehn Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurück.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten

Die Abwanderung zu stoppen und der Bevölkerung ein wirtschaftliches Auskommen zu bieten ist keine leichte Aufgabe. Die Gründung der Firma «Tree Water», die seit einem Jahr aus der Ahornsaft-Produktion Wasser gewinnt und in Flaschen abfüllt, bildet die erfreuliche Ausnahme. Doch Eleanor Mailloux hofft auf weitere Investoren: Im kommenden Jahr soll die stillgelegte Käserei reaktiviert werden. Geld zu verdienen wäre auch durch einen Ausbau des Tourismus (Langlauf, Mountain-Biking) und in einer Töpferei.

Trotz des harten Alltags fehlt es den Helvetiern nicht an Lebenslust. Eine Volkstanzgruppe, eine Kindertanzgruppe und ein gemischter Chor pflegen das Brauchtum der Vorfahren. Den Weg ins Tal gefunden haben auch ein Alphornbläser sowie ein Taler- und ein Fahnenschwinger. Bruce Betler, ein musikalisches Multi-Talent, repräsentiert die junge Generation. Der 74-jährige Vernon Bürki und sein 76-jähriger Bruder Norm, die noch gebrochen Berndeutsch sprechen, besingen als Senioren-Duett die Schönheit der Schweizer Alpen.

Verwandtenbesuch aus dem Tal

Zweimal pro Jahr feiern die Helvetier rustikale Feste: Seit 1913 begehen sie jeweils im September gemeinsam mit Freunden und Verwandten die «Swiss Fair». Höhepunkte der einstigen Landwirtschaftsschau sind eine Parade sowie musikalische Vorträge. Abends vergnügen sich Zugereiste und Einheimische beim «Square Dance». Jeweils am Samstag vor Aschermittwoch versuchen die Helvetier, auf einer Fasnachtsparty den Winter zu vertreiben.

1979 wurde Helvetia in das «National Register of Historical Places» aufgenommen. Dies motiviert die Dorfbewohner, die alten Gebäude vor dem Zerfall zu retten. Eleanor Mailloux fordert mehr: «Wir brauchen dringend junges Schweizer Blut und willige Investoren», sagt die Wirtin, die in ihrem Restaurant Bratwurst, Sauerkraut, Zürcher Braten, Apfelmus und «Bölewähe» serviert.

Dem Aufruf gefolgt ist im vergangenen August eine Walliser Schülergruppe. Die Jugendlichen aus St. Martin bei Sion wohnten während ihres zweiwöchigen Kulturaustauschs bei Gastfamilien und lernten das karge Leben in West Virginia kennen. Die Helvetier hoffen nun, eines Tages die bewunderte Heimat ihrer Vorfahren persönlich kennen zu lernen.


West Virginia

ps. Der US-Bundesstaat West Virginia gilt als das «Armenhaus Amerikas»: Die Bevölkerung verfügt über das niedrigste Durchschnittseinkommen der Nation. Eine hohe Arbeitslosigkeit, gepaart mit einem nicht versiegenden Abwandererstrom, hat das Durchschnitts-alter der Bevölkerung auf das US-Rekordniveau von 38,6 Jahren hinaufgeschraubt. West Virginia zählt zwei Millionen Einwohner, ist aber mit einer Fläche von 62 629 Quadratkilometern gut ein Drittel grösser als die Schweiz. (Basler Zeitung 1999)

Montag, Dezember 11

US-Senator D'Amato: «Ein ermutigendes Zeichen»


Nach verschiedenen jüdischen Organisationen hält auch der amerikanische Senator Alfonse D'Amato einen Bankenboykott derzeit nicht für angebracht. Die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Holocaust-Opfer hält er für einen «Schritt in die richtige Richtung». Der US-Politiker antwortete auf Fragen von BaZ-Korrespondent Peter Schibli.

BaZ: Schweizer Bankiers und der Bundesrat haben sich vergangene Woche auf die Einrichtung eines Entschädigungsfonds zugunsten von Holocaust-Überlebenden geeinigt. Sind Sie befriedigt?

Senator Alfonse D'Amato: Die Erklärungen von Botschafter Thomas Borer und Vertretern der Grossbanken sind ein ermutigendes Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung. Sie vermitteln jenen Juden Hilfe und Hoffnung, die bisher glaubten, ihre Anstrengungen führten zu nichts.

Trotzdem: Wir müssen wachsam bleiben und die Details abwarten, speziell die Höhe des einzurichtenden Fonds. Auch sollten wir uns bewusst sein, dass dieser Fonds eine Interimslösung ist und keine endgültige Übereinkunft darstellt. Es ist mehr Arbeit zu tun, mehr zu erforschen. Wir haben bislang nur die Spitze des Eisberges entdeckt. Unsere Nachforschungen enthalten Hinweise, dass wir sehr viel mehr finden werden. Ich kann Ihnen versichern, dass wir die vielen Anhaltspunkte weiterverfolgen werden.

Bundesrat Delamuraz hat seine Äusserungen bedauert. Genügt das?

Was Bundesrat Delamuraz gesagt hat, war schlimm. Seine Aussagen, unsere Bitten um Fakten und um ein Ende der Obstruktionspolitik der Banken seien ein Komplott jüdischer Kreise gegen den Finanzplatz Schweiz, entbehren absolut jeder Grundlage, und ich bin enttäuscht, solche Worte von einem Mann seiner Statur zu hören. Inzwischen hat sich Bundesrat Delamuraz beim Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, entschuldigt. Dies war nötig und richtig.

Jüdische Organisationen und Kläger haben den Schweizer Banken mit Boykott gedroht. Halten Sie dies für ein geeignetes Mittel zur Beilegung der Krise?

Im jetzigen Zeitpunkt unterstütze ich das Konzept eines Bankenboykotts nicht. Ein solcher Aufruf wäre verfrüht.

In den vergangenen Monaten haben Sie wiederholt Dokumente veröffentlicht und den Eindruck erweckt, die darin enthaltenen Informationen seien bis zur kürzlichen Deklassifizierung geheim gewesen. Sind Sie sich bewusst, dass viele der Vorgänge seit Jahrzehnten bekannt waren und in der Schweizer Presse sowie in der historischen Literatur diskutiert wurden?

Die von uns veröffentlichten Dokumente stammen aus dem Nationalen Archiv der USA und enthalten einige sehr beunruhigende Dinge. Die Tatsache, dass Details aus den Dokumenten in der Schweiz bekannt waren, ist nicht der springende Punkt. Im Gegenteil: Wenn diese Vorgänge, wie beispielsweise die beiden Entschädigungsabkommen mit Polen und Ungarn, in der Schweiz bereits bekannt waren: Warum hat denn niemand versucht, die brennenden Fragen zu klären?

Warum wurde die Liste der konfiszierten Konten ausländischer Anleger nie an das «Ursprungsland» (in diesem Fall an Polen) weitergeleitet? Wenn die Goldtransporte von Wissenschaftern untersucht wurden: Warum wurden sie nie vollständig aufgeklärt? Warum hat weniger als 24 Stunden nach meiner Erklärung, es seien nach dem Krieg 280 Lastwagen mit Raubgold nach Spanien und Portugal gefahren, ein Vertreter der Schweizer Nationalbank meine Zahlen als übertrieben bezeichnet, aber gleichzeitig eingestanden, es seien siebzig Lastwagenladungen gewesen?

Auf mich wirkt diese Reaktion wie das Verhalten eines Massenmörders, der beschuldigt wird, zehn Menschen umgebracht zu haben, und zu seiner Verteidigung behauptet, er habe «nur» drei getötet. Tatsache ist doch: Der Massenmörder ist schuldig. Übertragen auf die Nationalbank bedeutet dies: Die Schweizer Staatsbank hat während des Krieges Goldtransporte für die Nazis durchgeführt. Das war Unrecht, unabhängig davon, ob es nun siebzig oder 280 Lastenwagen waren.

Viele Ihrer Dokumente beruhen auf Geheimdienstinformationen. Kann man Spionen so ohne weiteres glauben?

Wenn die von uns gefundenen Dokumente unzutreffend sind: Warum werden denn die Vorwürfe direkt nach unserer Veröffentlichung schnell zugegeben? Es handelt sich hier um ein ernstes Problem: Zuerst bestreiten die Schweizer Banken und die Schweizer Regierung alles. Dann, wenn sie mit Beweisen konfrontiert werden, gestehen sie ihr Fehlverhalten teilweise oder insgesamt ein. Was gibt es sonst noch, was wir nicht wissen, was wir noch nicht gefunden haben, was wir erst noch begreifen müssen?

Was treibt Sie an? Weshalb haben Sie die aufwendigen Nachforschungen im Nationalen Archiv veranlasst?

Meine Motive für die Untersuchungen sind einfach: Ich will der Wahrheit auf den Grund gehen. Ich will die Fakten finden. Ich will das 50jährige Mauern der Schweizer Banken beenden. Viele Holocaust-Überlebende haben ihre Ansprüche angemeldet. Bis vor kurzem hatten sie ihre Hoffnung aufgegeben. Jetzt erleben sie plötzlich, dass die Schweiz und die Banken der Welt in die Augen schauen müssen: Die Welt will wissen, was damals in der Schweiz geschah und wo all das jüdische Geld und das Gold verschwand.

Setzen Sie sich für Holocaust-Überlebende ein, weil jüdische Wählerinnen und Wähler in New York ein wichtiger Faktor sind und weil Sie 1998 als Senator wiedergewählt werden möchten? Ist dieser Eindruck falsch?

Menschen aus meinem Bundesstaat haben mich um Unterstützung gebeten, und ich beabsichtige, ihnen zu helfen. Es wäre nachlässig von mir, dies nicht zu tun.

Wie würden Sie die schweizerisch-amerikanischen Beziehungen beschreiben? Was ist nötig, um die bestehende Freundschaft zu bewahren?

Das Verhältnis zwischen der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika hat eine lange Tradition und ist produktiv. Doch derzeit trübt nach meiner Meinung das Problem mit den Banken und deren Weigerung, nachrichtenlose Vermögen herauszugeben, die Beziehungen entscheidend. Die Kläger, die die Rückgabe von Vermögenswerten verlangen, sind zum allergrössten Teil amerikanische Staatsbürger. Wenn sich Schweizer Banken weigern, diese Gelder herauszugeben, betrifft dies Menschen, die dann ihre gewählten Parlamentarier um Hilfe bitten. Was die Bewahrung der guten Freundschaft zwischen der Schweiz und den USA betrifft, antworte ich kurz und bündig: Voraussetzung dafür ist die Wahrheit.

Vertrauen Sie heute der Schweizer Regierung, den Banken?

Vertrauen ist ein Problem. Die Schweizer Regierung und die Banken haben bisher nur gerade soviel zugegeben, wie wir ihnen handfest beweisen konnten. Würden sie von sich aus Unachtsamkeiten und illegales Verhalten zugeben, wie wir es durch unsere Nachforschungen an den Tag gebracht haben? Ich bezweifle es. Nach fünfzigjährigem Mauern und Ausflüchten ist es an der Zeit, dass wir die volle Wahrheit erfahren und die Tatsachen enthüllen. Die Erben von Holocaust-Opfern und die Überlebenden verdienen Gerechtigkeit und Würde. Während ihres fünfzigjährigen Kontakts mit der Schweizer Regierung und den Banken blieb ihnen beides verwehrt. Nun ist die Zeit gekommen.
In der Schweiz besteht der Eindruck: Was auch immer bei den bevorstehenden Untersuchungen herauskommt - Sie und der Jüdische Weltkongress werden die Ergebnisse niemals akzeptieren. Wie antworten Sie darauf?

Ich kann nur wiederholen: Ich und viele andere wollen die Wahrheit hören. Wir hoffen, dass das Schweizervolk, das ich sehr respektiere, dasselbe will. Lassen wir uns überraschen.
Wie reagiert die Schweizer Bevölkerung aus Ihrer Sicht auf den Druck aus den USA, auf Ihre Anschuldigungen?

Ich bin sehr besorgt darüber, dass das Schweizervolk ein Jahr mit verheerenden Enthüllungen über sich ergehen lassen musste. Ich kann verstehen, dass das weitere Vorgehen der Regierung von der Bevölkerung genau beobachtet wird. Die Schweiz hat eine reiche Tradition und eine reiche Geschichte. Es ist eine Schande, dass das Verhalten der Schweizer Bankiers, zumindest in den letzten fünfzig Jahren, diese Tradition beschmutzt hat.

Welche Auswirkungen hat der bereits erschienene erste Historikerbericht über das Polen-Abkommen auf Ihre Arbeit?

Unsere Ermittlungen konzentrieren sich auf das Verhalten einer Nation, zuerst unter den erschwerten Bedingungen des Zweiten Weltkrieges und dann unter dem Eindruck der Nachkriegszeit. Der Bericht der beiden Historiker Peter Hug und Marc Perrenoud ist eine faszinierende Auflistung von Handlungen von Schweizer Bankiers. Er beweist, dass Holocaust-Überlebende und deren Nachkommen hochmütig oder herzlos behandelt wurden. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Schweizer Bankiers einen grossen Einfluss auf die Bankengesetzgebung und auf die Umsetzung der Erlasse hatten. Wenn diesen ein Tatbestand gefiel, dann reflektierte das Gesetz entsprechende Genugtuung. War dies nicht der Fall, wurde es geändert. Dies ist eine traurige Erkenntnis.

Interview Peter Schibli
«Wir müssen wachsam bleiben und die Details abwarten, speziell die Höhe des einzurichtenden Fonds.»

«Was gibt es sonst noch, was wir nicht wissen, was wir noch nicht gefunden haben, was wir erst noch begreifen müssen?»

Washington. ps. Senator Alfonse D'Amato (59) gehört dem US-Kongress seit 1981 an. Der Republikaner vertritt den Bundesstaat New York. Der Nachkomme italienischer Einwanderer ist Vorsitzender des Bankenausschusses des Senats und hat in dieser Funktion die «Whitewater»-Untersuchungen gegen die Präsidentenfamilie vorangetrieben.

1998 steht D'Amato zur Wiederwahl an. Laut Umfragen der Kongress-Zeitung «Roll Call» befindet sich seine Popularität in New York derzeit auf einem Tiefststand. Beobachter haben darauf hingewiesen, dass der mächtige Senator in den letzten Monaten mehrere populistische Aktionen gestartet hat, um seine Wiederwahl abzusichern. So hat er sich kürzlich mit seinem einstigen Erzfeind, dem republikanischen Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani, versöhnt.

US-Medien: Kritisch, aber fair

Washington. ps. Seit Beginn des neuen Jahres berichten die tonangebenden US-Medien kritisch, aber fair über die Auseinandersetzung um jüdische Vermögen und Raubgold in der Schweiz. Neue «Enthüllungen» aus dem «Büro D'Amato» sowie Behauptungen jüdischer Organisationen werden nicht mehr, wie zu Beginn der Krise, unwidersprochen abgedruckt, sondern durch Stellungnahmen von Schweizer Bankiers und Diplomaten ergänzt. Die Bereitschaft zur Einrichtung eines Entschädigungsfonds wurde sehr positiv aufgenommen.

Die journalistische Grundregel, auch die «andere Seite» zu Wort kommen zu lassen, hat eine automatische Relativierung neuer Vorwürfe bewirkt und dazu geführt, dass die im letzten Jahr noch sensationell aufgemachten Frontberichte nun im Inneren der Zeitungen in einen Gesamtzusammenhang gestellt werden.

Der Grundtenor in der veröffentlichten Meinung entspricht in etwa der Position des State Department: Bewiesen ist nichts, aber die Schweiz tut gut daran, die eingeleiteten Untersuchungen zügig voranzutreiben und rasch Ergebnisse zu präsentieren. In diesem Sinne haben die meisten Zeitungen auf die von einem Zürcher Wachmann verhinderte Vernichtung von Unterlagen bei der Schweizerischen Bankgesellschaft reagiert.

Die peinlichen Interview-Äusserungen von Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz waren in den beiden nationalen Ostküsten-Zeitungen «New York Times» und «Washington Post» lediglich durch Agenturmeldungen abgedeckt worden. Zur Berichterstattung über die Einrichtung eines Holocaust-Fonds und zur Beschreibung des «nationalen Stimmungswandels» wurden dann allerdings eigene Reporter in die Schweiz entsandt.

Schmerzhaft, aber heilsam

In seinen Analysen räumt Alan Cowell, angereister Bonner Korrespondent der «New York Times», den innerschweizerischen Vorgängen, den Pannen und Strategieüberlegungen grossen Raum ein: Nach seiner Einschätzung zeigt das Umdenken bei den Banken und im Bundesrat, «dass eine politische Geste nötig war, um eine Krise zu entschärfen, die die Schweizer Bankenindustrie und die Wirtschaft insgesamt schwer hätte treffen können».

Positiv sieht auch die «Washington Post» die jüngsten Entwicklungen: In einem Kommentar stellte die Zeitung kürzlich fest, dass die Bewältigung der Vergangenheit für die Schweiz zwar schmerzhaft, aber durchaus heilsam sei: «In einem Land, dessen wichtigster Wirtschaftszweig, die Bankenindustrie, auf dem Vertrauensprinzip basiert, berühren die aufgeworfenen Fragen den nationalen Kern. Indem sie sich in- und ausländischen Ermittlern öffnet, definiert sich die Schweiz selbst.»

Verwiesen wird in diesem Zusammhang auch auf den wiederbelebten Antisemitismus. In der «Post» wurde kürzlich Avraham Burg, Präsident der Jewish Agency, zitiert. Gefragt nach den hässlichen Drohungen gegen seine Person, zeigte sich Burg besorgt, «dass das, was wir tun, einen sehr gefährlichen Bären geweckt hat».

Die Rolle der Neutralen

In einem Hintergrundbericht hat am Wochenende die «New York Times» die schwierige Stellung der neutralen Staaten (Schweden, Portugal und Schweiz) während des Zweiten Weltkriegs beleuchtet. Mehrfach wird in dem Artikel betont, dass das Überleben, das Verschontbleiben von kriegerischen Wirren, für die damalige Schweiz höchste Priorität genoss.

Das historische Essay stellt fest, Neutralität sei dann relativ, wenn ein neutraler Staat von einer Grossmacht umzingelt sei, und schliesst mit einer selbstkritischen Bemerkung. «Unsere Vision von Neutralität zu Zeiten eines Kriegs war eine Illusion . (…) Die neutralen Länder waren nicht perfekt, aber vielleicht waren wir selber weniger perfekt, als wir bisher geglaubt haben.»

«Meine Motive für die Untersuchungen sind einfach: Ich will der Wahrheit auf den Grund gehen. Ich will die Fakten finden. Ich will das 50jährige Mauern der Schweizer Banken beenden.» So US-Senator Alfonse D'Amato im Exklusivinterview mit der Basler Zeitung. (1996)

Freitag, Dezember 8

MyNews


10'000 E-Mails bekommt der BBC-Nachrichtensender News 24 täglich zugesandt, Vorschläge für Artikel, Kommentare, Fotos. "YourNews wird die gewaltige Menge an Material nutzen, das die BBC von der Öffentlichkeit bekommt - das Material, das dann schon eigenen Neuigkeitswert hat", sagt Kevin Bakhurst, Controller bei News 24 gegenüber dem britischen "Guardian".

Der große Erfolg von MySpace und YouTube - Websites, auf der User ihre Videos, Fotos, Texte veröffentlichen können - stiess eben selbst altehrwürdige Medien vor den Kopf: Seit Ende November bieten nun die britische BBC und seit gestern auch die Nachrichtenagentur Reuters (im Verbund mit dem Internetkonzern Yahoo) Plattformen für "user-generated content" (von Benutzern produzierte Inhalte): für Fotos, Videos, Texte. Bei der Namensgebung der Online-Portale folgte man den Vorbildern. Your News nennt die BBC, You Wittness Reuters/Yahoo seine Plattform.

In diesem Blog lesen Sie meine News. Artikel von mir, die erschienen sind oder auch nicht. Ausserdem werden unten drei RSS-Feeds eingeblendet, diejenigen von baz-online, Swissinfo und google.ch Viel Spass.

New Bern und sein 100jähriges «Blöterliwasser»


Vor hundert Jahren erfand der Apotheker Caleb Bradham in der amerikanischen Kleinstadt New Bern (Bundesstaat North Carolina) das Sprudelwasser Pepsi-Cola. Für den Softdrink-Konzern und die 3500 New Berner ist das Jubiläum Anlass für ausgiebige Feierlichkeiten.

Der Sommer 1898 war, glaubt man den Annalen North Carolinas, ungewöhnlich feucht und heiss. Um seine Kunden mit einem «spritzigen Getränk» zu erfrischen, experimentierte der Apotheker Caleb Bradham vor 100 Jahren in New Bern mit Säften und Aromazusätzen (vgl. BaZ vom Samstag). Einmal vermischte er Coca-Blätter mit Ölen und Vanille, löste das Extrakt in kohlensäurehaltigem Wasser auf und nannte den braunen Sirup «Brad's Drink».

Von Peter Schibli, New Bern

Zur Überraschung des Herstellers fand das zuckerhaltige Gebräu reissenden Absatz. Am 28. August 1898 taufte Caleb Bradham seine Erfindung offiziell «Pepsi-Cola». Da die Nachfrage in den kommenden Monaten ungeahnte Ausmasse annahm, entschloss sich der Apotheker, seinen ursprünglichen Beruf an den Nagel zu hängen und sich vollständig der Softdrink-Produktion zu widmen.

Unterstützt von Angestellten füllte er das Sprudelwasser in einer alten Liegenschaft in Flaschen ab und lieferte diese per Pferdefuhrwerk an Getränkehändler sowie Restaurants aus. 1902 gründete er die «Pepsi Cola Company» und beantragte die Eintragung seines Produkts als Handelsmarke. Dem Gesuch wurde am 16. Juli 1903 stattgegeben. Unter der Marken-Nummer 40 619 produzierte und vertrieb der Ex-Apotheker im selben Jahr rund 30 000 Liter des neuen Softdrinks.

«Erheiternd, kräftigend und die Verdauung fördernd». Mit diesem Slogan warb Bradham fortan für sein Produkt. 1905 begann er weitere Städte North Carolinas, darunter Charlotte und Durham, zu beliefern. Ende 1910 war Pepsi-Cola in 24 US-Bundesstaaten vertreten. Die flüssige Innovation machte Bradham reich und berühmt.

Während des Ersten Weltkriegs verliess ihn das Glück: Explodierende Zuckerpreise und eine stagnierende Nachfrage machten das Geschäft unrentabel. Im März 1923 sah sich Bradham gezwungen, Konkurs anzumelden. In der Not verkaufte er sein Unternehmen an den Wallstreet-Broker Roy C. Megargel. Dieser verlegte den Pepsi-Sitz in die Hauptstadt Virginias, nach Richmond; Bradham wurde wieder Apotheker.

Spätere Firmenbesitzer zog es weiter nordwärts. Heute befindet sich der Sitz des Getränkekonzerns in Purchase (New York). USA-weit existieren 550 Abfüllstandorte. Weltweit arbeiten Fabriken in 125 Ländern. 1972 gab Moskau die Einwilligung, dass Pepsi als erstes amerikanisches Produkt in der Sowjetunion hergestellt werden durfte. Und mit Michael Jackson hatte man während Jahren einen der Superstars unserer Zeit als Aushängeschild und Werbeträger gewinnen können.

Trotz des Wegzugs des Firmensitzes sind die «New Berner» stolz auf «ihren» Softdrink. Mit einer Pepsi-Walking-Tour, einem Feuerwerk, einer Theateraufführung, Konzerten und einer Sonderausstellung feiern sie in diesem Monat das 100jährige Bestehen. An einer farbigen Parade durch die Altstadt nahmen Anfang April Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur teil.

Berner Aristokraten

New Bern wurde 1710 vom Berner Einwanderer Baron Christopher de Graffenried gegründet. Als einstige Hauptstadt des Bundesstaates und Druckerei-Pionierin zehrt es von der Vergangenheit - hat seine Zukunft aber offensichtlich noch vor sich: Die wirtschaftlichen Entwicklungssignale sind vielversprechend. Im Westen der Kleinstadt entsteht eine moderne Industriezone mit Dutzenden von Geschäften und Betrieben. Strassen werden neu angelegt, die Brücke soll renoviert werden. Laut einer Studie wird die Bevölkerung im «Graven County» in den nächsten zehn Jahren 56 Prozent wachsen. Während sich im «Pepsi-Theater» die Chelsea-Singer verabschieden und das «Graven Brass Quartett» die Instrumente einpackt, machen wir uns auf den Heimweg. Dabei fällt uns auf, dass dem Berner Mutz auf der «New-Bern-Fahne» das «Geschlechtszipfelchen» fehlt.

Ist die öffentliche Darstellung eines Bären-Penis in North Carolina «politically incorrect?», fragen wir. «Keineswegs», ruft uns einer der Pepsi-Experten nach: «Ihr in der Schweiz habt den Papa-Bären. Wir in New Bern sind stolz auf unseren Mama-Bären.»

(Basler Zeitung, Juni 1996)

Zwischen Berne und Geneva ist die Welt noch in Ordnung


Im Herzen Amerikas, in Adams County (Indiana), beschäftigen weder Präsident Clintons Sex-Affäre noch die Nazi-Gold-Geschichte die Menschen. Hier sind wirtschaftliche Sicherheit, Bodenständigkeit und Tradition Trumpf. Die BaZ nahm einen Augenschein in einer Gegend, in der 75 Prozent der Einwohner aus der Schweiz abstammen.

Saftige Weiden, fruchtbares Ackerland, breite Wege: Die Landschaft erinnert an das Schweizer Mittelland. Stolze Bauernhöfe, herausgeputzte Chalets, Blumenschmuck auf den Fensterbänken, im Wind flatternde Fahnen: Die Ortschaften könnten irgendwo im Schweizer Voralpengebiet stehen.

Von Peter Schibli, Berne (Indiana)

Doch der optische Eindruck täuscht. Wir sind nicht auf einer Schweizer Reise, sondern im Herzland Amerikas - auf der Fahrt quer durch Adams County, eine Gemeinde dreissig Kilometer südlich von Fort Wayne. Eine Mehrheit der Familien hier ist Schweizer Abstammung. Namen wie Lehman, Graber, Sprunger, Liechti, Neuenschwander oder Zürcher belegen das helvetische Erbe.

In und um Berne, eine Ortschaft mit 3700 Einwohnern, leben Mennoniten, orthodox gekleidete Amische und Amerikaner anderer Konfessionen neben- und miteinander. Die Wiedertäufer, die im 18. und 19. Jahrhundert vor der Verfolgung aus der Schweiz, Deutschland und dem Elsass in die USA geflohen waren, hatten sich vor den Einwanderern aus England und Irland in dem ehemaligen Wald- und Sumpfgebiet niedergelassen.

Lebenswichtiger Zug

Als erste waren Christian und Peter Baumgartner gekommen. Sie kauften Land für drei Dollar die Hektare, bauten 1839 zusammen mit ihrem Vater David, einem Pfarrer, Blockhütten und begannen, das Land zu bebauen. Zahlreiche amische Familien, unter anderem aus dem Jura, folgten ihnen und gründeten 1852 die Siedlung Berne. Doch die Möglichkeiten, die angepflanzten Produkte abzusetzen, waren wegen der schlechten Verkehrsverbindungen beschränkt.

Als die «Grand Rapids and Indiana Railroad» eine Bahnlinie quer durch Adams County plante, sahen die Siedler ihre Chance gekommen. Sie offerierten der Eisenbahngesellschaft Land für den Bau eines Depots und eines Bahnhofs. Das Unternehmen nahm das Angebot an, und am Weihnachtstag des Jahres 1871 hielt in Berne der erste Zug. Das Ereignis brachte in den folgenden Jahren neue Einwanderer aus der Schweiz und Deutschland.

Im «Heritage Village», dem grössten Freiluftmuseum Ost-Indianas, können die Zeugnisse aus der Gründerzeit bestaunt werden. Auf dem Gelände sind 13 Gebäude sowie zahlreiche Maschinen und Geräte ausgestellt. Die 1860 von den Gebrüdern Baumgartner errichtete Kirche ist ebenso zu sehen wie ein 100jähriges Wohnhaus mit Inventar («Luginbill-House»), eine Scheune («Neuenschwander-Barn») sowie eine funktionierende Alpkäserei («Cheese House»).

«Willkommen in der Vergangenheit», begrüsst uns Paul Liechty, ein pensionierter Lehrer, beim Betreten des historischen Luginbill-Hauses. Seine Schwester Anna spielt im Nebenraum auf einem Harmonium. Vor dem Kachelofen schwärmt der 80jährige von damals. «Früher war vieles einfacher und besser.» Heute wohnt er zusammen mit seiner Schwester in einem Altersheim. Stolz auf ihr «Berner Chalet» ist das aus der Schweiz stammende Ehepaar Amstutz-Habegger (Bild).

Holzmonster

Im «Swiss Heritage Village» ist man stolz auf die Schule und auf die Apfelpresse. Das alte Schulgebäude mit Glocke könnte einem Ankerbild entnommen sein: Hölzerne Pültchen für die Schüler, ein Stehpult für den Lehrer, ein gusseiserner Ofen in der Mitte des Raumes, in der Ecke ein Modell-Chalet, gebaut von einem Chris Zürcher. Amos B. Schwartz, ein Antik-Schreiner und Restaurateur, demonstriert die Apfelpresse. William Hauenstein, ein Schweizer Einwanderer, hatte das «Holzmonster» 1864 gebaut. Der Legende nach soll ihm die Projektausführung im Traum eingefallen sein. Wahrscheinlicher ist, dass Hauenstein vor seiner Überfahrt in die «Neue Welt» in Europa Weinpressen sah, die er in Berne nachbaute. Selbst 134 Jahre nach ihrer Entstehung wird die in einem Schopf untergebrachte «Cider Press» noch benutzt.

Von Riehen nach Geneva

Das Leben in Berne verläuft in geordneten Bahnen, bedächtig und ohne weltbewegende Skandale. Die Hauptstadt Washington ist weit weg. Ob Präsident Clinton mit Monica Lewinsky ein sexuelles Verhältnis hatte oder nicht, ist hier kein Thema. Der Getreidepreis oder das Wetter von morgen interessieren mehr.

Auf seinem «Mega-Hof» in der Nähe der Ortschaft Geneva treffen wir Martin Rediger. Der Landwirt ist 1980 aus Riehen in die USA übersiedelt, hat in Adams County eine Familie gegründet und sich eine neue Existenz aufgebaut. Ehefrau Anita ist Amerikanerin mit sehr guten Deutschkenntnissen; mit den Söhnen Ben (15), Erich (13) und Alex (9) sprechen die Redigers deshalb auch Baseldeutsch. Doch das Englische dominiert, insbesondere beim Jüngsten.

Gut akzeptiert

Martin Rediger bewirtschaftet die Riesenfläche von 320 Hektaren. Zurzeit baut er die Futterpflanze Luzerne, Mais und Soja-Bohnen an. Einige Felder werden als Weide genutzt. In den Ställen stehen Mastrinder. Der Bauer macht einen zufriedenen Eindruck. Der Kontakt zu den Amisch-Familien in der Umgebung sei gut, sagt er und klopft seinem Nachbarn Menno Hilty freundschaftlich auf die Schultern.

Von einer «vorbildlichen Akzeptanz» berichtet auch Bernes Bürgermeister Blair Fulton. Er sei von den «Schweizern» vor dreissig Jahren herzlich aufgenommen worden, berichtet der frühere Geschäftsmann schottischer Abstammung. Die Tatsache, dass er vor sieben Jahren als erster Nicht-Schweizer ins Bürgermeisteramt gewählt wurde, spreche für die Offenheit und Toleranz der «Indiana-Berner», meint Fulton.

Möbel und Käse

Wirtschaftlich hat die Gemeinde derzeit keine grösseren Sorgen. Die Konjunktur floriert, die Arbeitslosigkeit ist gering (3,3 Prozent), die lokalen Unternehmen machen Überstunden. Berne wurde bekannt für seine beiden Polstermöbelfabriken. Die drei örtlichen Möbelgeschäfte («Clauser Furniture», «Habegger Furniture» und «Yager Furniture») können sich denn auch nicht über fehlende Kundschaft beklagen. Ausser Möbeln werden in der «United Tech-Factory» elektronische Bestandteile und in der «Cheese-Factory» Käse hergestellt. «Schweiz» und «Käse» gehören in Amerika einfach zusammen.
Swiss-Day-Festival: Ausdruck von Heimatverbundenheit

Berne. ps. Das kulturelle Erbe ist im Adams County unübersehbar, und es wird auch kommerziell ausgewertet. «A bit of Old Switzerland - Continuing a Swiss Heritage» steht in grossen Buchstaben auf der Berne-Broschüre der Handelskammer. Am jährlichen Festival am letzten Juli-Wochenende werden tatsächlich Schweizer Fahnen geschwungen, Alphörner geblasen und Sonntagstrachten getragen. Vor der idyllischen Dorfkulisse, zwischen dem Blumengeschäft «Edelweiss» und der «First Bank of Berne», kann man eine Armbrust kaufen, Sauerkraut und «Hamme» essen oder einen der vielen «Swiss-Pins» erstehen.

Hühnerbaron und Prediger

Die Festival-«Königin» Susi Huser und ihre Freundinnen tragen von der Handelskammer geborgte Trachten. Das Ehepaar Amstutz-Habegger und Ex-Bürgermeister Gaylord Stucky stolzieren im «Chüier-Mutz» durch die Hauptstrasse. Phil Neuenschwander wird zum Marschall der Parade ernannt, und Hiram Kohli, ein aus Greensville (Ohio) angereister «Hühnerbaron» und Prediger, betet zur Eröffnung der «Swiss Days» in Walliserdialekt. «Liebe Gott, Du bisch grad wie ne Latärne. Bitte, sägna dä Tag hie in Schwyz, sägne üsi Fründe und dy Frömde. Hilf mir Gott, das Wasser chunnt mir bis a Hals. I tiefe Schlamm bini igsunke. I cha nimme stah. I by todmüed vom Brüele, chyschterig isch my Hals…», rezitiert Kohli und übersetzt für Nicht-Dialekt-Kenner: «Chyschterig means ¬sored­ (wund).»

Auf dem Parkplatz der nahen High-School geht ein «Horse-Pulling»-Wettbewerb über die Bühne. Die stärksten Pferde und deren Besitzer wetteifern miteinander, wer die schwersten Lasten ziehen kann. Vor der öffentlichen Bibliothek spielt eine Polka-Band zum Tanz auf, bevor ein Jugendlicher das Lied «Edelweiss» singt, allerdings in Englisch. Politisch korrekt ertönt auch die amerikanische Nationalhymne.

Schweizer Identität sucht in Berne vorwiegend die ältere Generation, und zwar eher an der Oberfläche. «Kühe, Käse, Schokolade» - die üblichen Klischees werden kultiviert. Die Schweiz gilt als das «Land, in dem Milch und Honig fliessen». Fragen über die heutige Schweiz und deren Probleme stossen schnell an Grenzen.

Allenfalls verunsichert

Von einer Schweizer Identitätskrise, den schwierigen Verhandlungen mit der Europäischen Union oder der Diskussion um die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat man in Indiana (noch) nichts gehört. Die Problematik der nachrichtenlosen Vermögen und des Nazi-Goldes ist weitgehend unbekannt, oder man hält nichts von der entsprechenden Debatte. «Alles dummes Gestürm», meint eine Rentnerin und ergänzt: «Mein Vater wäre nie auf die Idee gekommen, seine Heimat zu verklagen, weil er aus der Schweiz vertrieben wurde.»

Mennoniten-Prediger Hiram Kohli zeigt sich verunsichert: Er wisse nicht, was wahr sei an den Vorwürfen. Aber wenn die Schweizer Banken noch Geld oder Gold horteten, das nicht ihnen gehöre, dann müssten sie es zurückgeben, fordert er und ergänzt: «Was Unrecht war, bleibt auch nach fünfzig Jahren Unrecht.»

Im Gemeindehaus war die Holocaust-Hypothek der Schweiz bislang kein Thema. Einen einzigen anonymen Brief habe er erhalten, erzählt Bürgermeister Fulton. Der Schreiber habe gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, die Annahme von Nazi-Raubgold durch die Schweizerische Nationalbank ins «Berne-Jahrbuch» aufzunehmen. Fulton sah dafür keinen Anlass.

Der Dialekt verschwindet

Merle Inniger, dessen Grossvater 1887 aus Adelboden einwanderte, sorgt sich weniger um das Nazigold als um den Erhalt des Schweizer Dialekts in Adams County. Immer weniger «Berner» redeten und verstünden Schweizerdeutsch. Die Jungen zeigten kein Interesse mehr; mit der älteren Generation sterbe auch die Sprache der Vorfahren aus, befürchtet Inniger.

Mit Kontakten und Partnerschaften zu Schweizer Städten oder Vereinen hapert es. Bis vor einigen Jahren hatten Sherm und Becky Stucky, ein aktives Rentner-Ehepaar, in Berne Dialektkurse organisiert und Schweizer Reisen veranstaltet. Gaylord Stucky, der von 1975 bis 1982 Bürgermeister war, erinnert sich an eine Austauschvisite mit dem legendären Berner Stadtpräsidenten Tschäppät. Seit Sherm Stucky gestorben ist und Becky Stucky im Altersheim lebt, sind die offiziellen Kontakte eingeschlafen.

Eine Überraschung erleben wir beim Besuch einer Amisch-Familie: An den Swiss Days haben wir Elisabeth Hilty, eine junge Frau aus Geneva, kennengelernt. Sie lädt uns auf den Hof ihrer Eltern ein. Fünf Kilometer südlich von Berne leben Menno und Rosa Hilty mit ihren elf Kindern. Elisabeths Geschwister heissen Mary, Joseph, Martha, Menno Jr., Ruth, Emma, William, Catherine, Barbara und Rosa.

Leben ohne Strom

Vater Menno spricht fast akzentfrei Berndeutsch. Sein Grossvater war Ende des letzten Jahrhunderts aus der Bundesstadt nach Missouri ausgewandert. «Balle», «Chare», «Grännihaar», «gueti Nachtrueh» - im Gespräch benutzt der Amisch-Bauer zahlreiche Schweizer Ausdrücke. Einige Begriffe haben sich verändert: Aus «gumpe» wurde «tschumpe». Weil es Ende des letzten Jahrhunderts noch keine Flugzeuge gab, integrierte die Hilty-Familie den englischen Begriff «airplane» in die Umgangssprache.

Bei Kaffee und Kuchen erfahren wir, dass die Hiltys ohne Elektrizität leben. Auf andere Errungenschaften der modernen Zeit mochten sie jedoch nicht länger verzichten: Ein Telefon besitzen sie, und im Gegensatz zu den meisten seiner Glaubensbrüder fährt Vater Menno ein Auto, wenn er Amos Schwartz, den Antik-Restaurateur, auf dessen Reisen begleitet. Doch wie ihre Vorfahren tragen die Hiltys einfarbige Amisch-Kleider: die Männer schwere Arbeitshosen, blaue Hemden, schwarze Hosenträger und einen Hut; die Frauen Strümpfe, selbstgenähte Röcke sowie auf dem Kopf schwarze oder weisse Häubchen.

Mit der Kutsche zu McDonald's

Wert auf Tradition legen auch die Troyers. Randy und Kathy Troyer, beide deutlich unter dreissig, leben mit ihren drei Kindern Benjamin, Susan und Joshua südlich von Berne auf einem kleinen Hof. Alle zwei Wochen treffen sie sich mit 28 anderen Amisch-Familien zu einem dreistündigen Gottesdienst. Dabei wird aus einem deutschen Gebetbuch gebetet.

Auto besitzen die Troyers keins. Zum Einkaufen oder für Ausflüge benutzen sie die Pferdekutsche, den «Buggy». Randy arbeitet als Schreiner in einer Möbelfabrik. Rund zehn Prozent der Belegschaft ist amisch. Kathy führt derweil den Haushalt und ist für den Gemüsegarten verantwortlich. Mit den Kindern spricht sie Plattdeutsch. Randy und Kathy wirken traditionsbewusst und anpassungsfähig zugleich. Die Kinder hopsen im Hof auf einem Trampolin herum, und gemeinsam fährt man ab und zu nach Berne zu McDonald's.

In der Tat gehören die Amischen mit zur Stammkundschaft der Fast-Food-Kette in Adams County. Inhaber Karl Schmitz hat hinter seinem Restaurant einen «Buggy»-Parkplatz für zehn Kutschen eingerichtet. Und über dem Eingang steht, umrahmt von den Wappen der 26 Schweizer Kantone: «Welcome: Kommen Sie herein.»

(Basler Zeitung, Juli 1998)

Donnerstag, Dezember 7

Aufmunterung










Ich freu mich über eine Blume,
die Farbe, den süßen Duft,
über grünende Bäume,
den Kuckuck,wenn er ruft.

Ich freu mich über ein nettes Wort,
nicht nur so dahingesagt,
ein ehrlich gemeintes,vom Herzen kommend,
sodaß mich kein Mißtrauen plagt.

Ich freu mich über den Sonnenstrahl,
der mir seine Wärme schenkt,
auch wenn einmal der Himmel
nicht voller Geigen hängt.

Ich freu mich über den neuen Tag,
versuche mein Tun und mein Denken,
all meine Wünsche und Träume
in die richtigen Bahnen zu lenken.

Ist die Welt auch grau in grau
und alles geht daneben,
so freu ich mich trotz alledem
ist es doch schön zu leben.

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